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Deep Shit

Über das Alleinsein und die Einsamkeit

„Bist du nicht ganz schön einsam?“ Eine Frage, die ich oft zu hören bekommen habe, als ich mit niemandem zusammen war. So als ob das Seelenheil an einer Beziehung hängt. Dennoch bin ich auch jetzt oft alleine. Abends, am Wochenende. Ich habe nicht jeden Tag Besuch und wohne alleine. Manchmal ist das etwas bedrückend und oft hallt die Frage noch nach, auch wenn sie lange schon niemand mehr gestellt hat.

Früher habe ich in WGs gewohnt. Jedoch immer nur in 2er-Konstellationen. In meiner Vorstellung waren große WGs total gesellig. Da hat man immer wen, mit dem man in der Küche sitzen und quatschen kann, hab ich gedacht. Beim Weinchen sich über die Welt auskotzen oder zusammen am Herd stehen und etwas Leckeres kochen. Völlig ausgeblendet ist in dieser Vorstellung die Frage nach dem Putzplan, den Haaren des Mitbewohners in der Dusche und die dreckigen Teller, die sich türmen, da niemand sie wegspülen will.

Und was passiert eigentlich in so großen WGs, wenn man mal nackt durch die Wohnung laufen will oder gar Sex haben? Da muss man sich ja immer ziemlich zurückhalten und schön leise sein. Also nicht, dass ich dauernd nackt durch meine Wohnung rennen möchte, aber so theoretisch will Frau und Mann das doch können.

Alleine wohnen = alleine sein?

Nach gut drei Jahren alleine wohnen finde ich die Vorstellung, sich eine Wohnung mit mehreren Menschen zu teilen heute ganz schön anstrengend. Denn, wenn wir mal ganz ehrlich sind, entwickeln wir alle Macken und Neurosen, die andere Menschen auf die Palme bringen würden. Bei mir darf zum Bespiel das Geschirrtuch vorm Herd niemals nie benutzt werden. Denn das hängt da nur zur Deko! Außerdem muss alles immer schön rechtwinkelig ausgerichtet sein. Also die Stühle am Tisch zum Beispiel. Oder die Matte im Bad.

Wenn ich Besuch hatte, verbringe ich den nächsten Tag damit, Abdrücke zu beseitigen oder Wände nachzustreichen. Kein Witz, ich mag es nicht, wenn irgendwo auf meinen weißen Wänden ein Abdruck oder Fleck ist. Allein bei der Vorstellung werde ich schon ganz nervös. Aus diesem Grund gestaltet es sich schwierig, mit mir zusammen zu wohnen, denke ich.

Und ja, deshalb bin ich auch oft alleine. Weil ich selten Leute einlade und nun mal allein wohne. Bin ich deshalb auch einsam? Ich empfinde es die meiste Zeit nicht so. Das mag auch daran liegen, dass ich in einem Großraumbüro arbeite und täglich mit zig Menschen berufsbedingt Small-Talk halte. Zudem bin ich viel bei Instagram unterwegs und kommentiere Blogs oder Fotos. Ich kommuniziere sehr viel auch per WhatsApp.

Die romantische Liebe

Abends bin ich dann oft so kommunikationsmüde und erschöpft von den vielen Mails, Gesprächen und Nachrichten, dass ich sehr froh bin, einfach alleine sein zu können. Ich koche mir dann etwas oder höre Musik, schaue eine Serie, lese Zeitung oder schlafe auf dem Sofa. Allein sein empfinde ich da nicht als schlimm oder Belastung. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch Phasen in meinem Leben hatte, da war dieses Alleinsein ganz schön schlimm für mich.

Denn, auch wenn ich n den 90er und 00ern sozialisiert wurde, gab es tief in mir diese Idealvorstellung von der romantischen Liebe. Zu zweit sich ein Heim teilen, in den Armen des Anderen einschlafen, morgens Frühstück im Bett. Das volle Programm. Ja, so war das in meiner Vorstellung und in meinen ersten Beziehungen war ich ernsthaft entsetzt, dass ich oft genervt von dem anderen Menschen war. Ich wollte doch gefälligst das ganz große Zweisamkeitsding haben!

Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, war das eben immer dieses Konstrukt einer romantischen Liebe, die es so wohl gar nicht oder nur sehr sehr selten gibt. Denn ich hatte ja nicht nur Fakten von jeder zweiten Ehe, die geschieden wird, sondern auch Freunde um mich herum, deren Beziehungen zerbrachen, die sich oft mit dem Partner zofften oder lieber mit ihrer besten Freundin ins Kino gingen als mit ihrem Freund.

Aus einem mir bis heute nicht nachvollziehbaren Grund hielt ich sehr lange an diesem Bild des perfekten Miteinanders fest. Ich fühlte mich oft einsam, gerade an Sonntagen, wenn alle etwas mit ihrer Familie machten. Auch der mitleidige Blick, wenn man niemanden zu Firmenfeiern oder Pärchenabenden mitbringen kann. Ich kenne ihn und habe ihn stets gehasst. Was war denn bloß nicht richtig mit mir, dass ich niemanden hatte? Also genau genommen gab es da ja Menschen, mit denen ich auch eine zeitlang liiert war. Aber irgendwie fühlten die sich nur halb richtig auf den oben angesprochenen Veranstaltungen an.

Mit sich selbst sein

Und jetzt kommt’s: Mit einigen von ihnen fühlte ich mich so krass einsam, obwohl ich eben nicht allein war. Denn sie konnten dem Ideal, das ich in meinem Herz und Hirn zurecht gefühlt und gedacht hatte, nicht gerecht werden. Als ich dann ins Ruhrgebiet kam, niemanden kannte und auf mich allein gestellt war, musste ich sehr schmerzhaft lernen, mich auf mich selbst zu verlassen. Ich habe so viele Sachen alleine gemacht: Ausflüge, Fahrradtouren, Kuchenessen, Wände streichen, Brote backen, schlafen…

Eine Zeit, die mich gelehrt hat, dass alleine eben nicht gleich einsam ist. Es sind zwei unterschiedliche Worte, die unterschiedliche Bedeutungen haben. Und auch wenn ich das Gefühl habe, alleine Dinge zu tun ist heute immer noch oft mit einem mitleidigen Blick verbunden, empfinde ich es manchmal wirklich als total angenehm, mit mir alleine zu sein. Ich glaube, heute kann ich das genießen, da ich grundsätzlich zufrieden mit mir und meinem Leben bin. In Zeiten, in denen ich das nicht bin, ist Alleinsein eine Strafe. Gelegenheit und Raum zu haben, über mich nachzudenken und die immer lauter werdende Stille zu ertragen, ist mir lange sehr schwer gefallen.

Heute ist das etwas anders: Seit einiger Zeit bin ich auch sichtbar für die Gesellschaft, wer oder was auch immer das ist, nicht mehr allein. Denn ich habe einen Partner. Also habe ich das offizielle Gütesiegel „glücklich, da nicht mehr allein“. Ich werde nun nicht mehr gefragt, ob ich einsam sei. Ich finde das so kurios, da es ja keine neue Erkenntnis ist, dass nicht alle Menschen in Beziehungen automatisch glücklich und zufrieden sind und dennoch wirkt es anscheinend nach außen auch im Jahr 2018 noch so. Hast du keine Beziehung, bist du oft alleine, also bestimmt auch einsam. Haste eine, muss man sich keine Sorgen um dich machen. Verrückt.

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1 Comment

  • Reply www.ruhrwohl.de - „Fünf Fragen am Fünften“ – Monat Februar - www.ruhrwohl.de

    […] ab und zu bin ich tatsächlich gerne allein. Ich habe da neulich mal einen Blogpost zu geschrieben, warum ich das so sagen kann. Deshalb hier nur die Kurzversion. In meinem Job als […]

    5. Februar 2018 at 9:42
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