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Deep Shit

Zum 35. Geburtstag: Dinge, die mich bewegten;
Ereignisse, die Geschichte schrieben

Es gibt sie, diese Ereignisse, an die man sich auch Jahrzehnte später noch ganz genau erinnern kann. Man weiß, wie das Wetter damals war, was man anhatte, wo man von der schlimmen Nachricht gehört hat. Zu meinem 35. Geburtstag werfe ich einen Blick zurück auf für mich einschneidende Erlebnisse, an denen ich allerdings nur medial teilnahm und die doch mein Leben maßgeblich beeinflusst haben.

Kollektives Gedächtnis?

Bei Instagram habe ich ja neulich mal erzählt, dass ich rund um meinen Geburtstag immer ganz nachdenklich werde. Ich mag diesen Zustand nicht besonders. Oft ist er mit Wehmut verbunden. Mir fällt es schwer, den Blick in der Gegenwart zu halten oder mich auf Dinge in der Zukunft zu freuen. Aus diesem Grund feiere ich selten groß, will mich gar nicht so sehr dem Erinnern hingeben. Aber vielleicht ist es zumindest ab und zu ja doch ganz gut, zuzulassen, dass einem Dinge und Erlebnisse sehr nahe gehen, die lange zurückliegen und die man nicht mehr beeinflussen kann.

Heute möchte ich euch ein paar private Dinge erzählen, die zunächst gar nicht so privat wirken, da ihr vielleicht auch Erinnerungen daran habt, obwohl ihr mich gar nicht kennt oder damals gar nicht kanntet. Ich meine damit weltbewegende, bedeutsame Ereignisse. Dinge, die man allgemein als Momente bezeichnet, die ins kollektive Gedächtnis einer Generation wandern. Auch wenn ich diesen Generationen-Begriff nicht so sehr mag, irgendwie trifft es das Konzept des kollektiven Gedächtnisses aber zumindest doch ganz gut.

Bevor ich mich jetzt dem Schwelgen hingebe sei noch gesagt, als jemand der 1984 geboren wurde, kann ich weder mit der Mondlandung (50 Jahre her), Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (April 1986) oder detaillierten persönlichen Beschreibungen zum Mauerfall (da war ich fünf Jahre alt) dienen. Bei mir sind es dann doch andere, vielleicht für ältere Leserinnen und Leser kleinere Ereignisse, die mein Leben, meine Welt geprägt haben.

Game, Set & Match

Starten wir unsere kleine Rückschau im Jahr 1993. Ich war damals neun Jahre alt und interessierte mich das erste Mal bedingt durch meine Eltern für Tennis. Nicht nur, dass ich selbst Training bekam und ab und zu auf dem Sandplatz stand, auch im Fernsehen wurde viel Tennis gezeigt. Das erste Spiel, das ich sah und an das ich mich zurückerinnere, war ein Spiel von Steffi Graf gegen Mary Joe Fernandez bei den French Open 1993. Steffi gewann dieses. Wie so viele: Zwischen 1993 und 1996 gewann Steffi Graf andauernd irgendwelche Turniere.

Und auch wenn das damals für die meisten ziemlich langweilig war, da sie ja bereits seit 1988 unglaublich erfolgreich war. Irgendwie war das für mich spannender als draußen mit anderen Kindern zu spielen. Ich guckte lieber Tennis. Ja, das war meine Kindheit.

An ein paar Tennis-Spiele kann ich mich noch sehr genau erinnern: Zum Beispiel an das Wimbledon-Finale 1993, als Jana Novotna Steffi Graf am Rande einer Niederlage hatte. Im dritten Satz führte Novotna damals 4:1 und 40:15. Dann verlor Novotna die Nerven, das Spiel, den Satz und damit das Match. Die weinende Jana Novotna in den Armen der Herzogin von Kent werde ich nie vergessen. Eines der schlimmsten Sportereignisse für mich bis heute. Ich glaube, ich war damals noch zu jung, um das verkraften zu können. Gott sei Dank gewann Jana Novotna 1998 noch einmal Wimbledon. 2017 starb sie leider sehr früh mit 49 Jahren an Krebs.

Ein anderes Spiel, an das ich mich noch sehr genau erinnere, stammt aus dem Jahr 1995. Steffi Graf stand im Endspiel der US Open. Ihre Gegnerin hieß Monica Seles. 7:6, 0:6, 6:3 lautete das Endergebnis, wobei ich zeitweise umschalten musste, da der erste Satz zu spannend für mich als 11-Jähriger war. Ein Jahr später gewann Steffi Graf wieder gegen Seles und in New York zog ein Gewitter auf. Auch hier kann ich mich noch ganz genau an die Siegerehrung erinnern und an eine durchnässte Steffi Graf, die den Pokal in die Höhe hält. Komisch, dass sich solche Bilder im Gedächtnis festsetzen. Ich weiß bei vielen Spielen auch noch auf welchem Fernseher ich sie gesehen habe, wie viel Uhr es war, denn gerade die Australian und US Open laufen zu nicht gerade kindgerechten Fernsehzeiten. Außerdem erinnere ich mich an Sätze der damaligen Kommentatoren der Spiele. Natürlich auch an das legendäre „Steffi, will you marry me.“ aus Wimbledon. Wer es nicht mehr kennt: Hier zu sehen.

Mich hat das viele Tennis im Fernsehen angucken in den 90er-Jahren sehr geprägt. Und so wollte ich auch gerne ehrgeizig, erfolgreich und dabei immer fair sein wie eine Steffi Graf. Sie wollte einfach immer nur Tennisspielen und gewinnen. Keine Show, kein Drama, keine Selbstinszenierung. Und auch heute sind keine wilden Partys aus Las Vegas bekannt. Das fand und finde ich cool. Stefanie Graf hat keinen offiziellen Instagram-Account. Und sie ist die letzte, bei der ich mir so ein „Follow me around“ vorstellen kann …

1996 kam im Dezember auf Sat.1 mal eine Doku über sie, die ihr Bruder während des Sommers gedreht hatte. Sie zeigte Steffi Graf abseits des Platzes. Ich habe diese Doku nur ein Mal gesehen und meines Wissens nach wurde sie danach auch nie wieder gezeigt, dennoch erinnere ich mich noch bruchstückhaft an Szenen daraus. Vermutlich, weil sie mich so verstört haben. Steffi Graf abseits des Platzes, das war echt selten zu sehen. Liebes Sat.1, wenn ihr das hier lest, rückt doch mal eine Kopie der Doku „Steffi – ein Portrait“ heraus. Boah wie schlimm, dass ich den genauen Titel noch kenne …

Leider war ich selbst im Tennis immer total schlecht. Ich hatte ein Nervenkostüm wie Anke Huber und Jana Novotna zusammen und verlor fast alle Spiele. Selbst gegen Gegner, die viel schlechter als ich waren, hatte ich keine Chance. Sobald ich in die Nähe eines Sieges kam, knickte ich mental ein. Von daher war es kein Verlust, dass ich meine persönliche Tenniskarriere irgendwann an den Nagel gehängt habe.

Eines der letzten Matches, die ich damals im Fernsehen angeschaut habe, war das Finale der French Open 1999. Steffi Graf war 1998 so gut wie gar nicht auf der Tour gewesen, kämpfte gegen Verletzungen an uns es sah alles danach aus, als ob ihre Zeit vorüber wäre. Eine junge Spielerin aus der Schweiz proklamierte dann auch die Vorherrschaft im Damentennis für sich: Martina Hingis. Die fand ich ja mal …

Es war eine kleine Sensation, dass Steffi Graf sich im Juni 1999 bis ins Finale der French Open kämpfte. Sie gewann noch einmal gegen Lindsay Davenport im Viertelfinale und dann gegen Monica Seles im Halbfinale – beide Spiele in drei Sätzen. Das Finale war für mich ultra spannend. Und auch wenn man den anderen durchaus den Sieg gegen Steffi Graf gegönnt hatte, wollte ich zumindest 1999 auf gar keinen Fall eine Siegerin namens Martina Hingis sehen. Die war mir einfach so unsympathisch.

Im Endspiel zeigte sie sich dann auch nicht gerade von ihrer Glanzseite. Schlägerwurf und eine Diskussion mit der Schiedsrichterin sorgten für einen Punktabzug und ein Pfeifkonzert des Publikums in Paris. Ich weiß noch wie ich damals vorm Fernseher saß und mir immer wieder dachte, das kann die doch nicht bringen, was ist denn mit der Hingis? Als sie dann bei Matchball gegen sich von unten aufschlug, rastete bin ich innerlich fast aus, da ich das so asi fand. Long story short: Steffi Graf erkämpfte sich 1999 ihren letzten Grand Slam-Sieg und trat wenige Monate später zurück. Martina Hingis hat nie die French Open im Einzel gewinnen können. 2007 wurde sie mit positiven Kokain-Dopingtest sogar für zwei Jahre gesperrt.

Nach dem Ende der Tennis-Karrieren von Steffi Graf, Pete Sampras, Michael Stich und all den anderen 90er-Tennis-Legenden, habe ich das Interesse an dem Sport dann gänzlich verloren. Neulich habe ich mal gesehen, dass Serena Williams immer noch spielt. Wie verrückt, die war ja damals auch schon auf der Tour. Für mich ist das Kapitel Tennis aber zu Ende.

Vorgestern wurde Stefanie Graf 50 Jahre und in den allermeisten Kommentarspalten der großen Zeitungen gab es kaum einen dummen oder neidischen User. Ich glaube, das sagt einfach alles. Für mich war und ist sie ein Idol, die Heldin meiner Kindheit, die größte deutsche Sportlerin.

Ein Schiff geht unter

So, jetzt mal Butter bei die Fische. 1998, ich war gerade 13 Jahre alt, sollte ein Film in die Kinos kommen, der meine Jugend maßgeblich geprägt hat. Hach, ich würde jetzt gerne von einem Action-Streifen schreiben oder von einem Thriller. Na ja, es war aber doch, wenn ich ehrlich bin, Titanic. Ich verliebte mich damals unsterblich in die rothaarige Winslet und war tagelang total gestört nach dem Kinobesuch. Wir alle wussten, dass das Schiff untergehen wird und Jack sterben. Dennoch wirkte der Film bei mir so lange nach.

Eine der Fragen, die mich damals am meisten beschäftigte: Warum schleift Rose ihren Mantel unter Deck die ganze Zeit durchs Wasser mit? Der ist total nass und schwer und dennoch legt sie ihn einfach nicht ab. Erinnert ihr euch? Sie muss den dann aber doch irgendwann ausziehen – aber nur aus rein dramaturgischen Gründen. Denn sonst könnte sie den Mantel von Cal mit der Kette in der Tasche nicht übergestreift bekommen. Ja, über so was habe ich ernsthaft wochenlang nach Rezeption des Films nachgedacht. Schon damals war ich wohl ein verkorkster Filmstudent.

Ich habe den Film damals in einem sehr alten Kino in Paderborn gesehen, das es mittlerweile nicht mehr gibt. Dort lief der Streifen zig Mal am Tag, fast alle Vorstellungen waren ausverkauft. Ich musste mit meiner Schwester auch am Nachmittag Schlange stehen und ich glaube, beim ersten Versuch konnten wir keine Karten mehr bekommen. Ausverkauft.

Da der Run auf den Film so immens war, wurde er bei uns ohne Pause gezeigt. 194 Minuten, also mehr als 3 Stunden. Puuuh. Da ich damals schon recht groß war und die Kinoreihen eng zusammen standen, kann ich mich noch gut daran erinnern, wie gequetscht ich nach diesen 194 Minuten Film war. Und Kopfschmerzen hatte ich. Sehr starke Kopfschmerzen.

Ich hab lange überlegt, ob es nach Titanic, den ich natürlich dann auch auf VHS und später DVD hatte, noch mal einen Film gab, der mich ähnlich beeindruckt hat. Ich glaube nicht. Ich fand Titanic einfach so bombastisch, den Nachbau des Schiffes, die Liebesgeschichte, die Musik von James Horner. Dazu der geschichtliche Hintergrund. Für mich war und ist Titanic einer der perfektesten Filme. Und während meines Medienstudiums habe ich so einige Filmklassiker gucken müssen. Viele waren für ihre Zeit einzigartig, aber an Titanic reichte für mich keiner heran. Deshalb meine Lieblingsstelle aus dem Film, die ich immer wieder gerne scherzhaft zitiere wenn Leute den Raum verlassen: „Kommt zurück… kommt zurück.. kommt zurück!“ ;)!

Ich habe nach Titanic alle Filme, in denen Leonardo DiCaprio oder Kate Winslet mitspielten, gesehen. Selbst diesen komischen Kostüm-Maskenfilm von Leo, den ich so grottig und langweilig fand. Apropos grottig: Kennt ihr das alternative Ende von Titanic? Bei Blockbustern werden ja häufig mehrere Versionen des Endes gedreht. Gott sei Dank entschied man sich damals nicht für dieses andere Ende, was man noch bei YouTube sehen kann. Denn darin wirft die alte Lady nicht einfach das „Herz des Ozeans“ nachts über Bord – so wie wir es kennen, sondern wird vom Schatzsucher und ihrer Enkelin aufgehalten. Es folgt ein zwei-minütiger Monolog voller Pathos. Richtig bizarr wird es dann, als sich der alte Schatzsucher nach dem Verlust der Kette an die Enkelin ranmacht. Ja ja, das war wirklich mal so angedacht als Ende. Schaut es euch an. Einfach gruselig sag ich nur.

Der Tag, an dem der Terror in mein Leben kam

Nun zu einem Ereignis, was sich vermutlich wirklich in das kollektive Gedächtnis einer Generation eingebrannt hat, die bis zu dem Zeitpunkt verschont blieb von ganz schlimmen Terrorattacken und Kriegen. Für viele Menschen, die in den 80er- oder 90er-Jahren geboren wurden, war der 11. September 2001 echt ein Datum, was die eigene unbeschwerte Welt erschütterte. Der Angriff auf das World Trade Center in New York sowie die Abstürze ins Pentagon erlebte ich als 17-Jähriger.

Der 11. September war ein Dienstag. Ich machte gerade Hausaufgaben und hörte dabei Radio, als das Programm unterbrochen wurde. Ich wusste damals gar nicht, was das überhaupt für ein Gebäude ist, in das ein Flugzeug geflogen sein sollte. Als das zweite Flugzeug in den anderen Twin Tower krachte, sagte man im Radio einen Satz, der mir schlagartig klar machte, das etwas sehr Schlimmes passiert sein musste: „Wenn Sie können, schalten Sie bitte den Fernseher ein.“

Ich war mega geschockt und gehorchte. Bei RTL lief gerade „Der Schwächste fliegt“ mit Sonja Zietlow. Um 15:09 wurde die Sendung abgebrochen und zu Peter Kloeppel ins Nachrichtenstudio geschaltet. Von da an schaute ich dann glaube ich bis 20 Uhr durchgehend dabei zu wie Menschen aus den Hochhäusern in den Tod stürzten, die Türme in sich zusammenfielen und eine Staubwolke ganz Manhattan vernebelte.

Ich hatte damals große Bedenken, dass die Reaktion der USA so heftig ausfallen würde, dass wir alle mit in einen dritten Weltkrieg gezogen würden. Unser Englischlehrer versuchte sich am nächsten Tag der geschichtlichen Einordnung. Es gab an dem Tag bei uns in der Schule keinen normalen Unterricht,  sondern nur betreutes „Drüber reden“.

Als ich im letzten Jahr in New York an den beiden Wasserlöchern des Ground Zeros stand, wurde mir mulmig zumute. Es ist dort sehr laut: Verkehrsgeräusche, schreiende Kinder, Leute, die Fotos machen. Und dennoch wurde mir echt ganz anders beim Blick in die schwarzen Löcher, in die das Wasser stürzt. Ich habe keine Angst vor Terroranschlägen und ich glaube, mein Verhalten hat sich auch nicht geändert durch Ereignisse wie 9/11. Aber was ich doch merke ist, dass ich mehr über politische Zusammenhänge nachdenke als ich es davor getan habe. Bis 9/11 hat mich das nie interessiert. Ich hatte bis dahin auch unsere westliche, arrogante Weltsicht und Lebensweise selten hinterfragt. Mit dem Terror änderte sich das schlagartig.

Und es war Sommer

Noch ein Sportereignis, was mich bewegt hat und über das ich immer wieder nachdenke: Das deutsche Sommermärchen 2006, die Männer Fußball-WM im eigenen Land. Kurz zur Einordnung: Ich war damals Student in Erlangen. In unmittelbarer Nachbarschaft, in Nürnberg, fand nicht nur ein Fanfest statt, sondern wurden auch ein paar Partien ausgetragen. Im Stadion war ich allerdings nicht.

Eigentlich interessiere ich mich nicht so sehr für Fußball. Und ehrlicherweise war mir das Turnier damals auch nicht wichtig. Mich faszinierten ganz andere Dinge als die Siege der deutschen Fußballmannschaft. Natürlich war das schon cool: Die WM im eigenen Land, die Stimmung war großartig, ich hatte als Student alle Zeit der Welt das voll auszukosten. Dazu das großartige Wetter, es gab Public Viewing, was damals noch relativ neu war. Okay, die meisten von euch werden sich erinnern. Aber dennoch: Es war nicht das reine Turnier, eher das Drumherum, das Eindruck hinterlassen hat.

Ich hatte damals so eine Sache laufen mit einem Typen, den ich schon ein paar Semester ziemlich gut fand. Prinzipiell hat das Weltsportereignis WM auch gar nichts mit dieser Liebelei zu tun. Doch für mich wird das wohl für den Rest meines Lebens miteinander verbunden bleiben. Es war ein wilder Sommer. Ich weiß gar nicht, wie ich das jetzt ausführen soll ohne das ihr euch fremdschämen müsst. Mama, hör bitte an dieser Stelle auf zu lesen ;)!

Nun ja, probieren wir es so: Meine „Taktik“ im Sommersemester 2006, mich endlich mal meinem Schwarm zu nähern, (ich borge mir das Wort mal kurz aus einer BRAVO der 90er) fand ich schon damals im nüchternen Zustand reichlich peinlich. Auf einer Party des Instituts für Medienwissenschaften fasste ich nach zu viel Korea (Cola + Rotwein) den Entschluss, einfach mit jedem zu knutschen, der da rumlief und der mitmachte um dann bei ihm, also meinem Schwarm, zu landen. In meiner Besoffenenlogik war das ein grandioser Plan um mit dem zu knutschen, den ich toll fand ohne das der merkt, dass ich in ihn verschossen bin. Genial, oder?

Jetzt das Verrückte: Es hat geklappt. Nachdem ich mit ein paar Freunden geknutscht hatte, war er an der Reihe und blieb es bis zum nächsten Morgen. Ein Besoffenentrick, der vielleicht nicht zum Nachmachen geeignet ist: Wohnst du gegenüber der Partylocation, nutze die Gelegenheit deinem Schwarm kurz auf einen Abstecher mitzunehmen (nur um aufs Klo zu gehen natürlich) und entwende ihm dabei unauffällig Portemonnaie, Schal oder in meinem Fall seine Mütze. Perfekt, ein weiteres Treffen ist damit garantiert.

Bevor diese Geschichte hier jetzt aber vollkommen abdriftet, kommen wir zurück zum Fußball. Das Sommermärchen ergänzte sich mit meinem eigenen privaten Märchen, der Typ machte für mich Salat, schenkte mir eine Kinderzahnbürste (hatte ich so oft Mundgeruch?) und dennoch passten wir einfach eher nicht so gut zusammen. Und das lag nicht nur daran, dass ich 1,90 m und er 1,65 m groß war. Kein Happy End also. Zur Ablenkung wollte ich dann mit Freunden auf dem Fanfest in Nürnberg den das Halbfinale Deutschland gegen Italien gucken.

Der Ort in Nürnberg ist ein ganz Besonderer. Denn das Fanfest fand in unmittelbarer Nähe zum Frankenstadion statt – auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände der Nazis. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sozusagen. Ich fand den Stadtteil immer sehr unheimlich und auch wenn der Gedanke die vielen Nazi-Gebäude heute zu nutzen um Großveranstaltungen durchzuführen, die ganz unterschiedliche Menschen vereint statt aufhetzt, kam ich nie so richtig mit dem Reichsparteitagsgelände am Dutzendteich klar.

Tja, aus dem Feiern zur Ablenkung wurde bekanntlich nichts. Und so mussten wir auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände miterleben wie Deutschland am 4. Juli 2006 in der Verlängerung zwei Gegentreffer kassierte und mit 0:2 gegen Italien ausschied. Um mich herum waren alle bestürzt, weinten und auch ich weinte, aber an dem Tag nicht nur wegen eines verlorenen Fußballspiels.

In der Straßenbahn der Linie 8, irgendwo zwischen den Haltestellen „Platz der Opfer des Faschismus“ und „Hauptbahnhof“ sagte dann ein älterer Mann: „Heult doch nicht so viel. Freut euch doch. Wir können feiern, wir können Fahnen schwenken. 74 war das noch ganz anders.“ Im ersten Moment verstand ich überhaupt nicht, was er damit sagen wollte, weil ich nichts über die WM 74 wusste außer das Deutschland wohl gewonnen hatte. Aber dennoch muss es unter den Eindrücken der Olympischen Spiele 72 eine sehr unterkühlte WM gewesen sein. Ausgelassene Stimmung und gutes Wetter gab es 1974 anscheinend gar nicht. Von daher hatte der Mann sehr recht. Für mich bleibt der Sommer 2006 ein ganz außergewöhnlicher: Ein Sommermärchen eben.


Das sind sie: ein paar ausgesuchte Welt-Ereignisse der letzten 35 Jahre, die nicht ausschließlich mir privat passiert sind, aber auf mich gewirkt haben. Sie sind eng mit mir und meinem Leben verwoben, waren für mich aufregend, unendlich schön oder tieftraurig und schockierend. Diese Momente sind mehr als nur ein paar Erinnerungen. Sie sind ein wichtiger Teil von mir.

PS: Natürlich würden mich auch eure Erinnerungen interessieren. Habt ihr auch Gedanken zu den von mir hier aufgeschriebenen Ereignissen oder ganz andere, die auch irgendwann in den 90er und 00er-Jahren stattfanden, ich aber anscheinend weniger intensiv erlebt habe?

PPS: Im Studium hat das mit der vornehmen Zurückhaltung einer Steffi Graf irgendwie nicht so gut geklappt merke ich gerade ;)!

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6 Comments

  • Reply Haydee

    Herrlich… die Geschichte aus Studienzeiten. So einen völlig abstrusen Plan, den hätte auch ich schmieden können, haha!
    Ich habe jetzt echt lang nachgedacht. Das einzige Ereignis, an das ich mich wirklich so klar erinnere, dass ist der 11. September. Ich weiß noch, ich kam da gerade von der Arbeit und hier am Bhf standen die Leute alle vor zwei kleinen Bildschirmen, die eben jenes Ereignis zeigten. Ich ging daran vorbei und dachte bei mir: was stehen die denn alle so dämlich im Weg und gucken einen blöden Action Film??!! Im Bahnhof! Alle verrückt.. Tja, bis ich dann zu Hause ankam und den Fernseher einschaltete. Danach saß ich dann bis Nachts heulend davor. So war das…
    Titanic finde ich übrigens einen der schlechtesten Filme aller Zeiten, gg. Ich bin da wohl eher Star Wars geprägt. Meinetwegen auch noch Dirty Dancing, haha.
    Boris Becker und Steffi Graf waren natürlich Ende der 80er das Highlight. Ich fand Tennis nie sonderlich spannend und hab mich immer voll gefreut, wenn es in Wimbledon regnete und sie dafür dann alte Folgen von Mord ist ihr Hobby zeigten. Jaja.. ich bin seltsam, ich weiß!

    17. Juni 2019 at 13:51
    • Reply Julius

      Ja ja, manchmal denke ich wirklich, Haydee… Tse ;)! Liebe Grüße

      19. Juni 2019 at 16:15
  • Reply Jenni

    Hey du,
    dieser Beitrag ist wirklich großartig! An die Tennis-Geschichten kann ich mich nicht erinnern – obwohl bei uns auch viel Tennis geguckt wurde – aber ich bin schließlich auch erst 1990 geboren. Aber das Gefühl, dass der Film Titanic hinterlassen hat, kenne ich gut. Ich habe ihn damals nicht im Kino gesehen – auch hier zu jung – sondern erst später zuhause und ich erinnere mich gut, dass ich anschließend furchtbare Alpträume hätte, weil mich die Geschichte der Männer im Maschinenraum und der Passagiere der unteren Klassen, die quasi keine Chance hatten, so sehr mitgenommen hat. Und auch an 9/11 kann ich mich gut erinnern. Damals war ich 11 Jahre alt und habe das erste Mal wirklich Angst vor anderen Menschen gehabt. Dass hat eine Unsicherheit in mir hinterlassen, die ich nie wieder ablegen konnte.

    Für mich gab es da übrigens noch ein anderes Ereignis, nämlich als Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden ist. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass es nichts gibt, was ich nicht schaffen kann. Und ich habe mir bis dahin immer gedacht, dass es keinen Unterschied macht, ob man ein Junge oder ein Mädchen ist, weil wir alle gleich sind. Und dann kam Angela Merkel und alle haben darüber geredet, dass es etwas besonderes ist, weil sie eine Frau ist. Da wurde mir das erste Mal bewusst, dass es anscheinend doch ein Gender-Gap gibt. Ein seltsames Gefühl.

    Jetzt habe ich aber geschwafelt, bitte entschuldige den langen Kommentar!

    Liebe Grüße

    Jenni

    19. Juni 2019 at 9:21
    • Reply Julius

      Das mit Angela Merkel ist auch wirklich ein Ding gewesen. Für mich auch verrückt. Aber schau mal in die USA zum Beispiel. Viele sind nicht so weit in Sachen Gleichberechtigung wie wir es denken, da wir uns oft in einem Umfeld bewegen, das nicht so repräsentativ für die Gesamtgesellschaft ist.

      19. Juni 2019 at 16:14
  • Reply Heike

    Gestern Abend lief eine Doku auf 3Sat über Steffi Graf, an der ich hängen geblieben bin und jetzt lese ich deinen Text dazu😊 – ja, eine Frau ohne viel gesuchte Öffentlichkeit, die ihr Glück gefunden hat. Und ja, am 11. September wissen wir wohl alle noch genau wo wir waren, als die Nachricht einen erreichte und alle haben dann Peter Klöppel verfolgt….ich hochschwanger 😎! Schön geschrieben- Danke dafür! Liebe Grüße Heike

    19. Juni 2019 at 14:22
    • Reply Julius

      Oh, die Doku habe ich verpasst 🙂 Aber ich hörte davon, dass es auch in der Mediathek von RTL? eine geben soll…

      Liebe Grüße und Danke für deinen Kommentar!

      19. Juni 2019 at 16:16

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