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Deep Shit

Ich bin dann jetzt mal Gemüsebauer: Warum mein Feld für mich der heißeste Scheiß des Jahres ist

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Gartenarbeit fand ich immer blöd. Man macht sich dreckig, bekommt Rücken und muss jeden Tag im Sommer Unkraut zupfen. Stimmt alles. Warum ich es seit kurzem dennoch liebe, verrate ich euch heute.

Vom Stubenhocker zum Outdoor-Boy

Früher saß ich gerne im Wohnzimmer meiner Eltern und las ein Buch. Selbst im Sommer zog ich das Sofa der Gartenliege vor. In dem großen Garten meiner Eltern zu arbeiten kam nicht in Frage. Und während meine Mutter im Sommer fast jeden Tag irgendwas draußen mit Blumen oder Beeten machte, saß ich eben drinnen und las oder beobachtete sie.

Ab und zu musste ich mal Rasen mähen oder Steine von A nach B schleppen oder beim Ausgraben von irgendwelchen Büschen helfen. Ich habe es gehasst und nie Sinn darin gesehen. Wie konnte man sich freiwillig so viele Stunden mit Gartenarbeit beschäftigen? Diese Anti-Garten-Einstellung hielt ich so ca. 25 Jahre aufrecht.

Heute wohne ich in einer schönen Stadtwohnung, die zwar auch einen Garten hat, der aber (zum Glück) nicht von mir gepflegt werden muss. Und ich glaube, dem allgemeinen Rasenmähen und Blümchenpflegen kann ich nach wie vor nur bedingt etwas abgewinnen. Aaaaaaaaaaaaber, seit ein paar Monaten brenne ich plötzlich für das Bewirtschaften eines Gemüsefeldes.

Häh? Wie kam denn das? Ich weiß es nicht so ganz genau. Vielleicht folge ich einfach dem Trend? Urban Gardening wird uns ja seit ein paar Jahren als der heiße Scheiß verkauft. Vielleicht bin ich auch nur so ein Mitläufer. Vielleicht bin ich jetzt endlich erwachsen? Okay, das kann nicht sein. Das hätte ich merken müssen.

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Gib mir Dreck, Baby

Unfassbar, aber ich stehe auf Dreck: Sand, Lehm, Pflanzenreste. Bitte alles zu mir. Ich möchte diese elementaren Bestandteile des Gemüsegärtnerns unter meinen Fingernägeln spüren und nach getaner Arbeit stundenlang mühsam wieder entfernen. Warum? Weil ich mich einfach vorher noch nie in meinem Leben dreckig gemacht habe. Ich war eben immer eher so das Drinnen-Kind. Und in meinem Büro-Job ist das Dreckigste meine virenverseuchte Tastatur. Also bitte, nichts, was einem das Gefühl gibt, mit seinen Händen etwas erschaffen zu haben. ußer irgendwelcher Zeichen auf einem Bildschirm. Aber kaum gibt man mir einen Streifen Feld, schmeiße ich mich mit meiner Jeans in den Dreck und feiere es, Kohlrabi und Co. von Unkraut zu befreien.

Nach ein paar Monaten geht mir die Dreck-Liebe zum Glück nicht mehr so ab und ich habe mir Gartenhandschuhe gekauft, aber Hose und auch T-Shirt dürfen gerne weiterhin ein bisschen dirty werden.

Handyfreie Zone

Auch wenn ich ab und zu bei Instagram eine Story aus meinem Garten poste, die meiste Zeit ist das Handy in meiner Hosentasche. Denn Dreck sei Dank, fummele ich nicht nebenbei noch andauernd auf dem Bildschirm rum, scrolle durch meine Timeline, spreche eine WhatsApp oder google, wann in London Sonnenuntergang ist. Meist fokussiere ich mich im Gemüsegarten auf das, was gemacht werden muss: Erde auflockern, Setzlinge einpflanzen, Wassermelone gießen. Was man da halt so macht. Und schwuppdiwupp, sind wieder zwei Stunden vorbei, die ich nicht auf mein Handy geguckt habe.

Und ihr jetzt so: Dann leg halt zu Hause einfach mal das Handy weg! Gleicher Effekt. Mag sein. Nur zu Hause sehe ich keinen richtigen Sinn darin. Klar, ich könnte sagen, kein Instagram und Co. nach 20 Uhr mehr. Und dann? Soll ich dann etwa Fernsehschauen? Oder stricken? Auf dem Feld habe ich erst gar nicht gemerkt, dass mir eine Möglichkeit genommen wurde, also die des sich Permanent-informieren-Könnens. Erst nach längerem Überlegen fiel es mir wie Schuppen von den Augen, was hier ganz anders ist als sonst: Ich kann nicht kommunizieren und googlen. Krass.

Geil auch, dass ich nie eine Uhr trage. Da ich ja wie oben geschrieben das Handy nur bedingt zur Verfügung habe, kann ich eben auch die Uhrzeit nicht ständig im Blick haben. Normalerweise schaue ich bestimmt drei Mal pro Stunde auf die Uhr. Auf dem Feld nicht. So schwebt der Gemüsegarten ein bisschen außerhalb von Zeit und Raum vor sich hin. Verstärkt wird das Gefühl dadurch, dass Gemüsegärten meines Wissens nach nicht so krass einer Mode unterliegen wie Autos, Mobiltelefone oder Brillengestelle. Möhren und Zucchini sahen meines Wissens nach auch 1985 so aus wie heute. Und 2032 sowieso. Überhaupt spielen hier Äußerlichkeiten kaum eine Rolle. Ich würde jetzt nicht so weit gehen, dass ich hier völlig abschalten kann und die Zeit komplett vergesse, aber zum ersten Mal im Leben kann ich nachvollziehen, was Leute damit meinen, wenn sie davon berichten, dass sie so vertieft sind, dass sie alles um sich herum vergessen.

Alles schön stumpf

Unkraut zu jäten, ist eine wunderbar stumpfe, körperliche Arbeit. Ich mache sowas ab und zu echt gerne. Auch im Büro. Also natürlich nicht das Unkraut zupfen, sondern sowas wie Sachen abheften, Pakete von A nach B tragen, Pressemappen befüllen. Ideal, um mal nicht oder nur sehr wenig denken zu müssen. Ein Luxus, für den ich fast bezahlen würde. Bitte verratet das meinen Chefs nicht. Im Haushalt spüle ich zum Beispiel auch ganz gerne mal. Nur das ist natürlich das Gegenteil von sich dreckig machen. Gepaart mit dieser Garten-Dreck-Komponente gewinnt das Feld beim Stumpfheitswettbewerb deshalb ganz knapp vor Fenster putzen und Mülleimer rausbringen.

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Mühe wird belohnt

Als ideal stellt sich heraus, dass ich einen Gemüse- und keinen Blumengarten zu pflegen habe. Klar, Blumen sind hübsch anzusehen, aber Gemüse kann man essen. Und etwas zu Essen fand ich schon immer geiler als ein gutes Aussehen. Das erklärt nicht nur mein leichtes Übergewicht.

Mangold, Spinat, Zucchini, Kohlrabi, Rauke. Alle meine essbaren Freunde sind der Lohn für das Gießkannen-Schleppen, Mulchen und in der Erde wühlen. Haptischer und leckerer geht es kaum. Und noch dazu ist der ganze Bio-Kram vom Feld ja auch noch gesund. Und überhaupt. Endlich bekomme ich wieder einen Bezug zu Lebensmitteln. Okay, gelogen, auch wenn ich die meisten Lebensmittel im Supermarkt kaufe, bin ich mir dann doch meist sehr bewusst, was Lebensmittel sind und wie sie verarbeitet werden können.

Allerdings denke ich, dass bei vielen, die wenig bis gar nicht kochen und nur im Restaurant und beim Bäcker essen, der genannte Aspekt nicht zu vernachlässigen ist. Es macht halt schon Spaß zu sehen, wie aus einem Samen eine kleine Pflanze wird, immer größer wird, blüht und Früchte trägt. Bekommt man im Supermarkt dann doch eher selten mit.

Alles meins

Abschließend ein Gedanke, der mir bei vielen Dingen schon kam, die ich heute mache und mir früher nie vorstellen konnte. Mein Feld gehört mir. Der Garten meiner Eltern war eben der Garten meiner Eltern. Ich hätte den auch nie „unseren Garten“ genannt. Ich glaube, diesen Aspekt darf man nicht unterschätzen. Letztlich übernehme ich gerne Verantwortung für dieses Stück Land. Wenn ich es nicht mache, verwildert es und wirft kein Gemüse mehr ab. Und das will ich unbedingt verhindern. Ich habe also ein klares Ziel vor Augen: Gemüse bis der Arzt kommt und zwar bis in den Spätherbst!

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1 Comment

  • Reply Amely

    Hallo Julius, ich kann deine Begeisterung für den Gemüseanbau absolut nachvollziehen, denn mir geht es genauso. Jeden Tag bin ich neugierig darauf, welche Überraschung der Garten für mich parat hat: Sind die essbaren Blüten aufgegangen, gibt es mal wieder eine Monster-Zuchini, wie weit sind die Auberginen, was machen die Radieschen? Übrigens kannst du auch im Winter noch was ernten, wenn du jetzt zB Grünkohl, Rosenkohl und Wirsing setzt, im November Feldsalat säst oder den Mangold bis März stehen lässt.
    Viel Freude weiterhin beim Gärtnern wünsche ich dir!
    Amely

    21. Juli 2018 at 20:03
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