
Ruhrgebiet verstehen: Ich lebe seit vielen Jahren im Ruhrgebiet und habe es am Anfang komplett falsch eingeschätzt. Zwischen Autobahnachsen, mehreren Innenstädten, großem Himmel und geplanter Landschaft funktioniert diese Region anders, als viele denken. Fünf Beobachtungen aus dem Alltag, jenseits der üblichen Klischees.
Inhalt
Klischee ja, aber mehr als das
Holy shit. Neulich habe ich gemerkt, dass ich seit 15 Jahren in Bochum lebe. Fünfzehn. Das ist kein Praktikum mehr, kein „Mal schauen, wie es hier so ist“. Das ist ein Lebensabschnitt, der länger dauert als manche Ehen. Lange genug, um nicht mehr nur zu Besuch zu sein. Lange genug, um zu sagen: Das hier ist meine Heimat.
Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken, dass ich das Ruhrgebiet am Anfang komplett falsch gelesen habe. Ich dachte, ich hätte es verstanden. Ein paar Wochenenden hier, ein paar Klischees im Kopf, ein paar Sätze über Strukturwandel und Zechenromantik – fertig war das Bild. Es war ein schnelles Urteil. Und wie so viele schnelle Urteile war es vor allem eins: ungenau.
Es gibt ja diese unzähligen Listen. „10 Dinge, die du noch nicht über das Ruhrgebiet wusstest.“ Oder: „5 Dinge, die nur Leute von hier verstehen.“ Ich klicke sie manchmal trotzdem an. Meistens weiß ich nach drei Punkten schon, wie es weitergeht. Currywurst. Malocher-Mentalität. Ein paar Dialektwörter, die man halb ironisch zitiert. Das ist nicht falsch. Aber es bleibt oft an der Oberfläche. Es fühlt sich an wie eine Postkarte von einem Ort, an dem man nie wirklich übernachtet hat.
Was in diesen Listen selten vorkommt, ist das Alltägliche. Das, was man erst merkt, wenn man hier wohnt. Wenn man morgens im Nieselregen zur Bahn läuft. Wenn man versteht, dass „um die Ecke“ hier manchmal eine andere Stadt meint. Wenn man begreift, dass dieses Revier kein zusammengewachsener Moloch ist, sondern ein Geflecht aus sehr eigenwilligen Städten, jede mit eigenem Stolz, eigenen Geschichten, eigenen Narben.
Deshalb mache ich jetzt etwas, das ich eigentlich nie machen wollte: Ich schreibe selbst so eine Liste. Fünf Dinge, die man erst versteht, wenn man hier wirklich lebt und nicht nur durchfährt. Keine Touri-Tipps, keine Folklore, keine überhöhte Liebeserklärung. Eher ein Versuch, dieses diffuse Gefühl einzufangen, das sich über die Jahre eingeschlichen hat.
Diese Liste ist kein klassischer Liebesbrief. Sie ist auch keine Abrechnung. Vielleicht ist sie eher eine Art Bestandsaufnahme. Wie fühlt sich das Ruhrgebiet an, wenn es nicht inszeniert ist? Wenn es einfach nur Alltag ist? Nach fünfzehn Jahren habe ich darauf zumindest ein paar Antworten.
Ein paar dieser Dinge sind mir erst mit der Zeit aufgefallen. Andere haben mich direkt irritiert. Zusammen ergeben sie für mich ein Bild dieser Region, das mit den gängigen Klischees erstaunlich wenig zu tun hat. Gehen wir direkt mal rein:



Du dachtest, alles ist nah beieinander und man wechselt schnell mal die Stadt
Früher dachte ich oft, dass hier alle Städte ineinander übergehen und es deshalb im Grunde wie eine einzige große Stadt ist. So stimmt das aber nicht.
Ja, es ist dicht bebaut, und zwischen Bochum, Essen und Dortmund gibt es kaum sichtbare Brüche. Trotzdem plane ich Wege hier nicht wie in einer einzigen Großstadt mit Stadtteilen. Ich denke eher so in Achsen und Autobahnen. In A40, A42, A43. Ich überlege, welche Auffahrt ich nehme, wo ich runterfahre und wie die Lage dort gerade ist.
Dasselbe gilt für den Zug. Ich bin erstaunlich oft in der Dortmunder oder Essener Innenstadt. Das geht von Bochum aus schnell, direkt, ohne Umsteigen. Zehn bis fünfzehn Minuten, einsteigen, aussteigen, fertig. Diese Verlässlichkeit sorgt dafür, dass man Orte automatisch häufiger ansteuert.
Oberhausen, Buer oder selbst Stiepel tauchen in meinem Alltag deutlich seltener auf. Die Verbindungen sind umständlicher, die Taktung ist dünner, man plant mehr Zeit ein. Das führt dazu, dass sie sich weiter weg anfühlen, obwohl sie geografisch gar nicht so weit weg sind.
Hinzu kommt noch, dass die allermeisten Strecken mit der Bahn erstmal über die Hauptbahnhöfe der Städte laufen. Das führt dazu, dass man bestimmte Orte einfach nicht ansteuert, da man zu häufig umsteigen muss und die Strecke zu lang dauert.
Was ich gelernt habe: Das Ruhrgebiet funktioniert wie ein Netz aus Wegen und Linien. Nähe entsteht hier durch die Infrastruktur. Und wer hier wohnt, merkt irgendwann, dass Kilometer zweitrangig sind. Entscheidend ist eher, wie gut man an was angebunden ist.

Du hast mehrere „Innenstädte“ im Kopf, aber keine ist „die“ Innenstadt
Klar, Dortmund hat eine. Essen sowieso. Bochum auch. Selbst Herne hat eine Innenstadt mit Fußgängerzone. Formell ist alles da: Einkaufsstraßen, Kaufhäuser, Plätze und ein Stadtmarketing, das sich bemüht, die Innenstädte attraktiv zu machen.
Aber im Alltag fühlt es sich anders an.
Erstens sind viele dieser Innenstädte architektonisch schwierig, um es mal nett auszudrücken. Viel Nachkriegsbau, wenig gewachsene Struktur, breite Straßenachsen und echt viele Leerstände. Es gibt schöne Ecken, keine Frage. Doch als Gesamtbild fehlt oft die Aufenthaltsqualität, die man aus anderen Städten kennt.
Zweitens hat sich das Einkaufsverhalten in den letzten zwanzig Jahren radikal verändert. Die Menschen kaufen eben gerne online ein. Außerdem gibt es zahlreiche Lieferdienste und spezialisierte Konzepte. Die klassische Innenstadt als zentraler Versorgungsort hat massiv an Bedeutung verloren. Laut HDE liegt der Onlineanteil im deutschen Einzelhandel inzwischen bei rund 15 Prozent, in manchen Segmenten deutlich höher. Das spürt man in jeder Fußgängerzone.
Und drittens verlagert sich mein eigenes Konsumverhalten. Ich fahre in den Ruhr Park in Bochum, weil dort die Marken gebündelt sind, alles super sauber ist und vor allen Dingen: optisch alles schön einheitlich. Das mag komisch klingen, aber ab und zu habe ich das Bedürfnis danach. Oder ich gehe nach Rüttenscheid in Essen, weil es dort kleinteiliger, gastronomischer und urbaner ist. Das fühlt sich lebendiger an als manche offizielle Innenstadt.
Im Ruhrgebiet existieren mehrere Zentren nebeneinander. Keine davon hat automatisch den Status von „der“ Innenstadt, wie man ihn aus monozentrischen Städten kennt. Man wählt situativ. Nach Angebot, Atmosphäre oder eben, wie schon oben beschrieben, schlicht nach Erreichbarkeit.
Der Himmel ist größer und näher, als Außenstehende denken
Gerade als ich neu hier war, hat mich das wirklich überrascht. Ich hatte das Ruhrgebiet dichter erwartet. Also irgendwie kompakter und enger. In meinem Kopf war da viel Grau und wenig Luft. Stattdessen stand ich irgendwann oben auf einer Halde und hatte plötzlich dieses Gefühl von Weite, das ich so nicht erwartet hätte.
Das hat mich auch zu dieser Liste veranlasst: Meine Halden Top 10 für den Sommer :)!
Zwischen Halden, Kanälen und ehemaligen Industriebrachen öffnen sich Räume, mit denen man hier wirklich nicht rechnet, wenn man es nicht kennt. Es gibt keine romantisch gewachsenen Altstädte an jeder Ecke und keine durchgestylten Postkartenmotive. Dafür gibt es Fördertürme, Kraftwerke und Straßen. Und darüber spannt sich ein weiter Himmel, der alles zusammenhält. Und das aller krasseste: Ich fand das von Anfang an mega schön, was skurril ist, da jede Straße und jede Industrieanlage an sich alles andere als schön sind.



Du verstehst Zuwanderung hier anders als anderswo
Im Ruhrgebiet ist Migration Normalzustand. Schon im 19. Jahrhundert kamen Menschen aus Masuren, Schlesien und Polen in die Zechen. Später folgten Arbeitskräfte aus Italien, der Türkei, Griechenland und dem ehemaligen Jugoslawien. Heute prägen Familien mit Wurzeln in Syrien, Rumänien oder Bulgarien ganze Straßenzüge.
Das ist Alltag. In vielen Ruhrgebietsstädten liegt der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte bei 30 bis 40 Prozent, in manchen Stadtteilen deutlich darüber. Das prägt Schulen, Vereine, Fußballplätze, Bäckereien, Hochzeiten.
Was man nur versteht, wenn man hier lebt: Diese Vielfalt ist selten inszeniert und sie lässt sich auch nicht nutzen – weder positiv noch negativ. Sie ist funktional. Denn natürlich gibt es Spannungen, Clan-Kriminalität, soziale Unterschiede und Segregation. Das Ruhrgebiet ist keine Integrations-Idylle. Aber es gibt eine lange Erfahrung im Zusammenleben unterschiedlicher Milieus und Herkunftsgeschichten. Der Bergbau hat Menschen aus verschiedensten Regionen zusammengebracht, weil Arbeit wichtiger war als Herkunft. Dieser Pragmatismus wirkt nach.
Außenstehende sprechen oft von „Parallelgesellschaften“. Wer hier wohnt, weiß, dass die Realität komplexer ist. Vieles läuft nebeneinander, manches auch miteinander. Und oft funktioniert es unspektakulär gut.



Grün ist hier geplant und nicht zufällig
Als ich hierherkam, dachte ich lange, diese vielen Grünflächen seien einfach „übrig geblieben“. Reststücke zwischen Straßen, Bahnlinien und ehemaliger Industrie. Das stimmt so nicht. Ein großer Teil des Grüns im Ruhrgebiet ist bewusst entstanden. Es ist gebaut, modelliert und renaturiert. Und ja, es ist ein Klischee, aber es stimmt: Es ist grüner als man denkt. Auch ich hab den Satz von Leuten, die mich besucht haben, schon gehört.
Klar ist auch: Viele Parks, Halden und Landschaftszüge liegen auf ehemaligen Industrieflächen. Dort, wo früher gefördert, gelagert oder produziert wurde, wachsen heute Bäume. Die Halden sind damit keine natürlichen Hügel, sondern aufgeschüttetes Material aus dem Bergbau. Die Emscher war über Jahrzehnte ein offener Abwasserkanal und wird seit den 1990er Jahren systematisch umgebaut und renaturiert. Man merkt das, wenn man genau hinsieht.
So wie man sich seinen Platz hier erarbeiten muss, wenn man neu ist, hat sich das Ruhrgebiet sein Grün erarbeitet. Es ist das Ergebnis von Strukturwandel, Milliardeninvestitionen und langfristiger Planung. Wer hier wohnt, versteht irgendwann: Diese Landschaft ist nicht zufällig entstanden, aber trotzdem ist sie da und man kann sie genießen.

PS: Und wenn ihr jetzt denkt, das war’s schon mit Halden, Fördertürmen und Ruhrpott-Romantik: nope. Wer hier lebt, weiß, dass das Revier aus tausend kleinen Momenten besteht, die man keinem Reiseführer entnimmt. Wenn ihr also noch tiefer ins Ruhrgebiet eintauchen wollt, klickt euch mal durch meine weiteren Beiträge zum Revier.



