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Münster

Hinterm Gartenzaun: Mein liebstes Skulptur Projekt

Der Kultur-Sommer neigt sich langsam dem Ende zu. Wer jetzt noch nicht in Münster bei den Skulptur Projekten war, sollte sich sputen. Nur noch bis zum 1. Oktober sind über die ganze Stadt verteilt 35 Kunstwerke zu sehen – kostenlos und für jeden zugänglich. Mir hat es eine Arbeit besonders angetan, die viele wohl als provinziell bezeichnen würden.

500.000 Besucher sollen es in diesem Jahr sein, die sich die nur alle zehn Jahre stattfindenden Skulptur Projekte ansehen. Eine enorme Zahl. In einer kleinen Stadt wie Münster spürt man: Es ist deutlich voller als sonst. Touristen laufen orientierungslos mit Stadtplänen durch die Gegend, auffällig viele gelbe Leihräder stehen im Hafen und warten auf ihre temporären Besitzer, die gerade übers Wasser laufen. Eine ganz besondere internationale Atmosphäre ist spürbar, die ich so von Münster nicht kenne.

Speak to the Earth and it will tell you

Im Kleingartenverein Mühlenfeld herrscht an diesem sonnigen Tag im August Hochbetrieb. Schuld daran ist Jeremy Deller. Der Engländer hat mit seiner kulturanthropologischen Arbeit „Speak to the Earth and it will tell you“ einen Publikumsmagneten geschaffen. Doch eigentlich war nicht er es, sondern waren es fleißige Kleingärtner, die über zehn Jahre hinweg Tagebuch führten. Von den letzten Skulptur Projekten im Jahr 2007 bis zu den aktuellen im Jahr 2017. 26 dicke Wälzer sind so entstanden. Jetzt stehen sie in einer Gartenlaube aufgereiht und warten darauf, gelesen zu werden.

Und ich empfehle euch: Macht das! Taucht ein in eine ganz eigene Welt aus Tipps zum Anbau von Tomaten, Erinnerungen an Sommerfeste und Nachbarschaftssstreitigkeiten. Denn die grünen Wälzer haben es in sich. Mag man sich auch zunächst denken, wie profan, geben sie doch tiefe Einblicke in das Herz der Gartenfreunde und offenbaren typisch deutsche Sicht- und Lebensweisen.

Zwischen akkurat geschnittenen Hecken, allerlei Verbotsschilder und bunten Blumenbeeten liegt sie, die kleine rot getünchte Hütte, in der Deller die Bücher ausstellt. Und würden hier nicht so viele Leute ein und ausgehen, könnte man den Eingang glatt übersehen.

Da sitzen sie, die Hipster mit ihren Bärten neben Opas mit Karo-Hemden und beschen Rentnerschuhen. Zwei Asiatinnen blättern eines der dicken grünen Bücher durch und machen wie wild Fotos von den handschriftlichen Aufzeichnungen. Sie quieken dabei vergnügt. Mir geht ein bisschen das Herz auf. Denn natürlich sind alle Bücher auf Deutsch und die Hälfte der Besucher spricht diese Sprache gar nicht. Dennoch blättern die Kulturtouristen fleißig, gucken sich die Tomatensträucher, Zucchinis, Steckrüben und Wettersprüche an, die die Autoren aus der hiesigen Zeitung ausgeschnitten und in ihr Gartenbuch geklebt haben. Und strahlen. Viele so, als ob sie das erste Mal in einem Schrebergarten wären.

Die Kunst im Kleinen

Vielleicht sind sie das sogar. Denn die Lauben sind vor allem in Deutschland beliebt. Selbst in unseren europäischen Nachbarländern gibt es längst nicht so viele Gartenkolonien wie hierzulande. Laut Wikipedia sind nur in Polen ähnlich viele Kleingärtner aktiv. Entstanden sind die Lauben in der Stadt Anfang des 19. Jahrhunderts um dem Armenproblem und der wachsenden Bevölkerung Herr zu werden. Auf den günstig verpachteten Flächen konnten die Städter damals selbst Obst und Gemüse anbauen. Und auch heute noch ist eine Parzelle für schmales Geld zu haben. Bedingung ist jedoch, dass man Mitglied des jeweiligen Vereins wird.

Aber zurück zum Skulptur Projekt von Jeremy Deller. Die sonst oft so total verkopften Kunstwerke anderer Ausstellungen sind hier schnöde Dokumentationen, grüne Bücher, total provinziell, total belanglos – könnte man denken. Doch das wäre eine sehr oberflächliche Betrachtung. Denn für mich steht etwas ganz anderes im Fokus: Wie hier Menschen zusammen kommen, auf der Wiese liegen oder unter dem Abdach sitzen und sich stundenlang Bücher angucken, ist einfach toll. Jedes der Bücher ist mal mehr mal weniger liebevoll über Jahre hinweg gepflegt worden. Allein das löst bei mir schon einen Heidenrespekt aus. Keine große, abgehobene Kunst, sondern ein Konzept, das mit dem sonst so in sich abgeschlossenen Raum Kleingarten spielt. Und letztlich ist der Besuch im Schrebergarten Erholung von der wuseligen Altstadt Münsters. Hier ist es trotz guter Besucherzahl ruhig und beschaulich.

Wer etwas mehr Zeit hat, sollte sich nicht nur die Bücher, sondern auch deren Betrachter näher ansehen. Die alten Damen auf einer Bank zum Beispiel. Sie freuen sich, wenn sie Menschen auf den Fotos wiedererkennen, die da eingeklebt sind. „Auf dem Sommerfest war ich auch“, sagt die eine zur anderen dann. Oder „Inge, guck dir mal diesen tollen Rhododendron an!“ Eine Engländerin im Gothic-Stil fragt die studentische Hilfskraft in der Laube zur Kleingartenkultur aus und ist begeistert, einfach nur, weil sie diese Form des ausgelagerten Anbauens von Möhren und Salat nicht kennt. Und die beiden Asiatinnen? Sie lachen und machen ein Selfie bei dem sie mit ihren Fingern das Victory-Zeichen formen.

Ich selbst schnappe mir auch ein Buch, packe Bulgur-Salat aus und beginne zu lesen und zu blättern. Eine halbe Stunde lang brauche ich, wühle mich durch zig Zeitungsartikel, die etwas mit Pflanzenzucht oder Ernte zu tun haben, unzählige Feste im Vereinsheim und Protokolle von Mitgliederversammlungen. In einem Buch wird ein Streit skizziert, der damit endet, dass ein Kleingärtner die Anlage verlässt. In einem anderen führt ein Kleingärtner das Buch von seinem Vorgänger weiter, da der erkrankt ist. Auch von verstorbenen Kleingärtnern wird berichtet.

Ein anderes Buch ist äußerst sachlich verfasst. Immer wieder gibt es seitenlange Beschreibungen des Wetters im jeweiligen Monat und Bilder, die anscheinend mit einem Tintenstrahldrucker entstanden sind, ausgeschnitten und aufgeklebt wurden. Einige sind schon verblasst. Und plötzlich, ganz am Ende, ich erwarte schon nichts Spannendes mehr, guckt mich von einer Seite ein Rentner an. Darunter steht: „Ich bin der Autor dieses Buches. Ich hoffe, Ihnen hat es gefallen.“ Etwas geschockt aufgrund der plötzlichen direkten Ansprache, will ich den Wälzer schnell zuschlagen, halte ihn aber noch eine Weile geöffnet und blicke dem Mann in die Augen. Wie cool denke ich mir: Du hast Kunst geschaffen, auf deine ganz eigene Art und Weise. Du bist Teil einer so selten stattfindenden Veranstaltung. Und du hast dir mit diesem Buch so viel Mühe gegeben. Wie toll, dass so viele Menschen aus der ganzen Welt in diesen Schrebergarten kommen, um sich das anzugucken.

Fun fact: Früher dachte ich immer, es heißt Strebergarten, da die Parzellen oft so mega ordentlich sind. Tatsächlich ist aber der Arzt Moritz Schreber Namensgeber. Er hat die Kleingärten jedoch nicht erfunden.


Fakten, Fakten, Fakten

Wie hinkommen? Am besten erkundet ihr die Stadt natürlich per Rad. Am Bahnhof verleiht die Radstation für nur acht Euro am Tag wirklich gute Räder mit mehreren Gängen, die angenehm auf der Straße liegen. Auf Wunsch erhaltet ihr auch Räder mit einem Gepäckträgerkorb. Zum Leihen benötigt ihr euren Perso. Abgeben könnt ihr die Leihräder bis kurz vor 23 Uhr. Wer es eilig hat und auf Nummer Sicher gehen will, sollte sein Rad online buchen.

Bis zum Kleingartenverein sind es von der Radstation nur zehn Minuten. Ihr kommt auf eurem Weg an einigen Skulptur Projekten vorbei, die an der Promenade, Münsters Fahrradstraße, liegen. Der direkte Weg lautet wie folgt: Fahert durch die Windthorststraße am Lackmuseum vorbei und biegt rechts auf die Promenade. Nach ca. 800 Metern biegt ihr im Kreuzviertel rechts auf die Straße Neubrückentor, folgt dieser ein paar Hundert Meter bis ihr zum vielbefahrenen Lublinring kommt. Von dort aus seht ihr bereits die Kleingartenanlage Mühlenfeld, die auch vom Ring aus betreten werden kann.

Öffnungszeiten? Die Skulptur Projekte sind nur noch bis zum 1. Oktober in Münster zu sehen. Ein Teil der Kunstwerke ist in den vergangenen Jahrzehnten aber in den Besitz der Stadt übergegangen. Die Aasee-Kugeln zum Beispiel. Da die meisten Werke im öffentlichen Raum stehen, gibt es keine Öffnungszeiten im engeren Sinne. Wer also Bock hat, nachts den Brunnen mit den Skulpturen von Nicole Eisenman anzusehen, nur zu. Andere Werke wie Ayşe Erkmens Steg im Wasser können nur tagsüber besucht werden.

Quanto costa? Nöx. Alle Plastiken, Performances und Skulpturen sind kostenfrei. Jedoch gibt es an manchen Aufführungsorten Kapazitätsgrenzen, so dass es gerade an Wochenenden zu langen Schlangen und Wartezeiten kommt.

Apps und Karten? Es gibt eine offizielle App der Macher der Skulptur Projekte, die ich allerdings nicht empfehlen kann. Zwar sind dort alle Kunstwerke auf einer Karte vermerkt, man erhält jedoch wenig Infos zu ihnen. Stattdessen wird man nach ein paar Sätzen, die meist allgemeine Dinge zum Künstler beeinhalten, auf die Internetseite weitergeleitet. Auch die Aufmachung und die Usability sprechen mich nicht an. Ich fand es hilfreich, mir einmal im Voraus grob die Orte aufzuschreiben, die ich ansteuern wollte und mich ein wenig einzulesen. In der Innenstadt stolpert man sowieso alle zehn Meter über ein Skulptur Projekt, da brauchte ich keine Karte. Aber Infos. Die bekam ich auf Kai Erics Blog retrospektiven. Ich habe nach diesem Blogpost meine Fußtour durch die Innenstadt gestaltet.

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2 Comments

  • Reply Haydee

    Ich mag Kleingörten total gerne und spaziere so ganz ommamäßig Sonntags auch ganz gerne mal da durch.
    Das Projekt finde ich klasse. Und was für ein schönes Zeitdokument das doch ist. Gefällt mir! Danke für den Tipp! Mal sehen, vielleicht schaffe ich es ja doch noch nach Münster. Wo ich seit Jaaahren übrigens nicht war. Zuletzt, als ich mir 1994 die Fachhochschule angeschaut habe – war doch gerade erst, ooooder? 🙂

    31. August 2017 at 19:06
    • Reply ruhrwohl

      Hehe, es war 1994… Gab es da nicht mal so ein Lied von Bosse? Anderes Thema. Münster ist doch auch so immer eine Reise wert 🙂

      1. September 2017 at 11:56

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