
Der Gasometer Oberhausen setzt seine große Naturtrilogie mit der Ausstellung „Mythos Wald“ fort. Als Lebensraum, Klimafaktor, Märchenraum und bedrohtes Ökosystem. Was mich überzeugt hat, wo ich skeptisch geblieben bin und ob sich der Besuch wirklich lohnt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Inhalt
Dritte Teil der Trilogie
Große Naturbilder gab es im Gasometer Oberhausen in den vergangenen einige zu sehen. Erst die Erde, dann der Ozean, jetzt der Wald. Nach „Das zerbrechliche Paradies“ und „Planet Ozean“ ist die neue Ausstellung „Mythos Wald“ der dritte Teil einer Trilogie, die sich mit der Schönheit, der Verletzlichkeit und der Zerstörung unserer natürlichen Lebensräume beschäftigt.
Wieder Natur, wieder große Bilder, wieder ein monumentales Objekt im Innenraum. Klingt nicht besonders originell. Und genau darin liegt auch die Herausforderung dieser Ausstellung: Kann der Gasometer noch überraschen, wenn man die Dramaturgie inzwischen kennt?



Fakten zur Ausstellung
„Mythos Wald“ ist vom 20. März bis 30. Dezember 2026 im Gasometer Oberhausen zu sehen. Die Ausstellung widmet sich den Wäldern der Erde, vom tropischen Regenwald über die Mammutbäume Kaliforniens bis zum deutschen Wald als Sehnsuchtsort, Märchenraum und bedrohtem Ökosystem. Gezeigt werden großformatige Fotos, Filmsequenzen, Präparate und wissenschaftliche Exponate. Dazu gehört unter anderem ein Originalskelett eines vor rund 7.000 Jahren ausgestorbenen Riesenhirschs, ein Braunbär, Wolf, Eule, Faultier, Schleimpilze und Bärtierchen. Viele Exponate stammen vom Museum Koenig in Bonn, vom LWL-Museum für Naturkunde Münster und vom Ruhr Museum Essen.
Die Lichtinstallation
Das große Highlight ist die Lichtinstallation „Der Baum“. Sie steigt 35 Meter in den Innenraum des Gasometers hinauf und ist als begehbare, immersive Installation angelegt. Entwickelt wurde sie von Ars Electronica Solutions aus Österreich, die bereits bei „Planet Ozean“ für den großen visuellen Höhepunkt verantwortlich waren.
Die Installation „Der Baum“ zeigt den Baum dabei nicht als romantisches Naturmotiv, sondern als lebendiges System aus Kreisläufen, Energie, Wasser, Wachstum und Veränderung. Was im Inneren eines Baumes normalerweise verborgen bleibt, wird hier als Lichtskulptur sichtbar und spürbar gemacht.
Das pulsierende Licht erinnert dabei nicht nur an natürliche Prozesse, sondern für mich auch an Nervenbahnen: an Impulse, Verbindungen und Signale, die durch einen Körper laufen. Gerade dadurch wirkt die Installation weniger wie ein Abbild eines Baumes, sondern eher wie ein Blick in ein inneres, lebendes Netzwerk. Besonders stark ist der Kontrast zum Gasometer selbst: ein ehemaliger Industrieraum, in dem Energie früher gespeichert wurde.

Worum geht es in „Mythos Wald“?
Die Ausstellung versucht, den Wald nicht nur als Ort zum Spazierengehen zu zeigen. Sie behandelt ihn als komplexes System: Lebensraum, Klimafaktor, mythologischer Ort, Rückzugsraum, Projektionsfläche und bedrohte Ressource.
Das ist sinnvoll, denn Wald ist für viele von uns gleichzeitig nah und abstrakt. Man kennt ihn aus Kindheitserinnerungen, Sonntagsspaziergängen, Märchen, Wanderwegen und vielleicht auch aus sehr deutschen Sehnsuchtsbildern. Gleichzeitig bleibt er als Ökosystem schwer greifbar. Was unter der Erde passiert, was in morschem Holz lebt, wie Pilze, Mikroorganismen, Tiere, Pflanzen und Klima zusammenhängen, sieht man im Alltag kaum.
Genau hier liegt eine Stärke der Ausstellung: Sie richtet den Blick nicht nur auf das Offensichtliche. Neben großen Tieren und beeindruckenden Baumriesen geht es auch um Kleinstlebewesen, Schleimpilze, Bärtierchen und Prozesse, die man normalerweise nicht sieht. Das hat mir besonders gut gefallen.
Wusstet ihr zum Beispiel, dass das Bärtierchen zu den widerstandsfähigsten Lebewesen der Welt gehört? Das winzige Tier ist nur etwa 0,25 Millimeter groß, wirkt unter dem Mikroskop fast ein bisschen niedlich und hat trotzdem Fähigkeiten, die eher nach Science-Fiction klingen. Bärtierchen können extreme Hitze, eisige Kälte, jahrelangen Nahrungsmangel und sogar das Vakuum des Weltalls überstehen.

Der Gasometer bleibt der eigentliche Hauptdarsteller
Und auch wenn man sich vielleicht bei der dritten Ausstellung hintereinander zum Thema an den großflächigen Bildern etwas sattgesehen haben mag, am Gasometer sicher nicht. Das Gebäude ist wie immer Teil der Inszenierung. Diese riesige dunkle Halle, der gläserne Aufzug, die Höhe, die Kälte, die Aussicht vom Dach. All das gehört hier einfach dazu.
Auch bei „Mythos Wald“ dürfte der Innenraum wieder der stärkste Moment sein. Die Installation „Der Baum“ nutzt genau das, was der Gasometer am besten kann: Größe, Dunkelheit, Vertikale und ein leicht überwältigendes Raumgefühl. Beim Umherlaufen vergisst man manchmal, wie riesig diese Installation eigentlich ist. Erst der Blick auf die Menschen darunter rückt die Dimensionen wieder zurecht.
Was mich an der Konzeption überzeugt
Das Coole ist ja: Man schaut nicht einfach auf ein Objekt. Man steht darunter, bewegt sich darum herum, kann sich auf die Treppe in ein Sitzkissen fallen lassen und bekommt so eine ganz andere Wahrnehmung von der Installation, als wenn man sie nur von einer Seite im Stehen betrachten würde.
Das passt super zum Thema. Ein Baum ist schließlich nicht nur Stamm und Krone. Er ist Wurzelwerk, Kreislauf, Schattenspender, Lebensraum und Symbol. Wenn das Licht pulsiert, sich verdichtet und durch die künstliche Baumkrone wandert, versteht man für einen Moment körperlich, dass ein Wald kein statischer Ort ist, sondern ein lebendiges System.
Mich überzeugt an „Mythos Wald“, dass der Gasometer die Natur nicht nur dekorativ behandelt. Natürlich gibt es wieder schöne Bilder und natürlich ist das visuell einfach attraktiv. Aber die Ausstellung scheint nicht bei der Bewunderung stehenzubleiben.
Wo ich skeptisch bin
Trotzdem gibt es einen Punkt, den ich kritisch sehe: Der Gasometer bewegt sich mit diesen großen Naturausstellungen inzwischen in einer sehr vertrauten Dramaturgie. Beeindruckende Bilder, wissenschaftlicher Anspruch, Bedrohung der Natur, großer immersiver Höhepunkt. Das funktioniert, keine Frage. Aber irgendwann besteht die Gefahr, dass aus Erschütterung Routine wird.
Nach „Das zerbrechliche Paradies“ und „Planet Ozean“ wissen viele Besucher:innen ungefähr, was sie erwartet. Man wird überwältigt, man staunt, man liest etwas über Zerstörung, man verlässt die Ausstellung nachdenklich. Das ist nicht falsch. Aber es wirft die Frage auf: Reicht Betroffenheit noch aus?
Gerade beim Thema Wald hätte ich mir vermutlich eine noch stärkere Verbindung zum Ruhrgebiet gewünscht. Denn Wald ist hier nicht nur Amazonas, Kalifornien oder Transsilvanien. Aus diesem Grund habe ich ehrlicherweise die zweite Ebene etwas geskippt. Denn Wald ist auch die Halde nebenan, der Stadtwald, der Emscher-Umbau, der Hitzeschutz in dicht bebauten Quartieren, die Frage, wie Grünflächen in einer Industrieregion künftig verteilt und gepflegt werden. Ich hätte mir da mehr Details aus unserem unmittelbaren Umfeld gewünscht.
Das könnte ziemlich bewegen
Der stärkste Gedanke hinter der Ausstellung ist wahrscheinlich, dass der Wald vertraut ist, aber nicht selbstverständlich. Wir reden oft über ihn, als wäre er einfach da. Als Ort für Erholung, als romantisches Bild, als grüner Hintergrund. Dabei sind Wälder empfindliche Systeme, die auf Klimaveränderungen, Abholzung, Artenverlust und wirtschaftlichen Druck reagieren.
Laut Gasometer ist fast ein Drittel der Landfläche unseres Planeten von Wäldern bedeckt. Gleichzeitig wurden allein im Jahr 2024 rund 6,7 Millionen Hektar Primärregenwald zerstört. Diese Zahl ist schwer zu fassen. Deshalb sind Ausstellungen wie die im Gasometer, die solche Entwicklungen nicht nur als Statistik zeigen, mega wichtig.
Man merkt dann auch selbst, wie wenig man eigentlich über diesen Lebensraum weiß. Und wie bequem es ist, Wald als Kulisse zu betrachten, statt als etwas, das mit unserem Leben direkt verbunden ist.



Warum solltet ihr euch „Mythos Wald“ anschauen?
- Wenn ihr die großen Naturausstellungen im Gasometer mögt, bekommt ihr hier sehr wahrscheinlich wieder genau das, was der Ort besonders gut kann: große Bilder, starke Räume und einen beeindruckenden Höhepunkt im Innenraum
- Wenn ihr mit Kindern unterwegs seid, dürfte die Ausstellung gut funktionieren, weil sie Tiere, Licht, Klang und anschauliche Exponate verbindet
- Wenn ihr euch für Fotografie interessiert, sind vor allem die großformatigen Naturaufnahmen und die Amazonas-Bilder von Sebastião Salgado spannend
- Wenn ihr nicht nur schöne Bilder sehen wollt, bietet die Ausstellung genug Stoff zum Nachdenken über Klimawandel, Artenverlust, Abholzung und die Zukunft unserer Wälder
- Wenn ihr aus dem Ruhrgebiet kommt, lohnt sich der Besuch auch wegen des Ortes selbst: Der Gasometer bleibt für mich eines der eindrucksvollsten Industriedenkmäler der Region
Mein vorläufiges Fazit
„Mythos Wald“ scheint keine radikale Neuerfindung des Gasometer-Prinzips zu sein. Eher eine konsequente Fortsetzung. Das kann man kritisieren, weil die Dramaturgie inzwischen bekannt ist. Man kann es aber auch als Stärke sehen: Der Gasometer hat ein Format gefunden, mit dem komplexe Natur- und Klimathemen ein großes Publikum erreichen.
Wenn ihr „Das zerbrechliche Paradies“ mochtet, werdet ihr „Mythos Wald“ sehr wahrscheinlich ebenfalls mögen. Wenn ihr allerdings erwartet, dass der Gasometer sein Ausstellungskonzept komplett neu denkt, könnte euch manches bekannt vorkommen.
Ich würde trotzdem hingehen, weil gute Ausstellungen manchmal etwas schaffen, was im Alltag selten gelingt: Sie bringen uns dazu, für zwei Stunden genauer hinzusehen.
Tickets und Öffnungszeiten
Der Gasometer ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. In den NRW-Ferien und an Feiertagen ist auch montags geöffnet. Der Eintritt kostet regulär 14 Euro, ermäßigt 11 Euro. Kinder bis 5 Jahre haben freien Eintritt, Familien zahlen 33 Euro.
Ein Hinweis: Der Gasometer ist ein riesiges Industriedenkmal und nicht beheizt. Auch jetzt im regnerischen Mai war es doch echt frisch darin und auf dem Dach sowieso. Kleidung also besser nicht nur nach Außentemperatur planen.

PS: Was waren eigentlich eure Lieblingsausstellungen im Gasometer? Meine Favoriten sind bis heute ziemlich klar: „The Wall“ von Christo und Jeanne-Claude aus dem Jahr 1999 mit der 26 Meter hohen und 68 Meter breiten Mauer aus 13.000 farbigen Ölfässern. Und „Big Air Package“ von Christo aus dem Jahr 2013. Damals war die begehbare Innenraumskulptur aus semitransparentem Stoff, alles war hell und wirkte fast schon sakral. Ich hab es geliebt!

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