Buchtipp: „Damals im Sommer“: Eine erste Liebe, die erst in der Erinnerung ganz verständlich wird

Hand hält den Roman „Damals im Sommer“ von Florian Gottschick vor grünem Hintergrund am Fluß
„Damals im Sommer“ von Florian Gottschick

„Damals im Sommer“ erzählt von einem Familienurlaub Ende der 1990er-Jahre, der sich erst in der Erinnerung als Wendepunkt zeigt. Florian Gottschick schreibt über erste Liebe, queeres Erwachen, Scham, Bruderneid und die Unruhe eines 15-jährigen Jungen, der mehr fühlt, als er verstehen kann. Ein kurzer, melancholischer und sehr filmischer Roman, der manchmal etwas mehr Raum verdient hätte, aber gerade durch seine Atmosphäre nachhallt.

Warum mich der Roman interessiert hat

Ich mag Romane über den Sommer. Das dürfte nun mittlerweile mehr als klar sein, nachdem dies nun der dritte Roman ist, den ich euch dieses Jahr zum Thema empfehle ;)! Wenn ihr nochmal nachlesen wollt, hier geht es zu Restsommer von Kea von Garnier und hier zum Buchtipp: „Im Wasser sind wir schwerelos“ von Tomasz Jedrowski.

Ich lese im Sommer einfach anders. Die Tage sind länger, ich sitze häufiger draußen im Garten, und irgendwie ist das mehr meine Jahreszeit. Vielleicht kann ich mich deshalb auf solche Geschichten besser einlassen. Dann muss in den Romanen auch nicht wahnsinnig viel passieren, weil schon die Atmosphäre für mich zählt: Das Licht, die Wärme, die freien Nachmittage, dieses etwas langsamere. Im Sommer wirken manche Geschichten für mich ganz anders. Man hat einfach mehr Raum für sie.

„Damals im Sommer“ von Florian Gottschick hat mich genau deshalb interessiert. Der Titel verspricht erst einmal Nostalgie. Aber schon nach wenigen Seiten merkt man, dass dieser Sommer nicht einfach verklärt wird. Er liegt in der Erinnerung wie etwas, das schön war und gleichzeitig wehgetan hat. Etwas, das man lange mit sich herumträgt, vielleicht gerade deshalb, weil man damals noch keine Sprache dafür hatte.

Das ist auch der Punkt, an dem der Roman für mich funktioniert. Er erzählt nicht von einer großen, klaren Liebe. Er erzählt von einem Gefühl, das noch keine Form hat. Von einem Jungen, der etwas über sich begreift, bevor er es überhaupt richtig verstehen kann.

Die Geschichte eines Sommers

Im Zentrum steht ein 15-jähriger Ich-Erzähler, der mit seiner Familie in den Sommerurlaub fährt. Mit dabei ist auch sein knapp 17-jähriger Bruder, der für ihn Bewunderung, Konkurrenz und Abstand zugleich bedeutet. Der ältere Bruder wirkt selbstsicherer, sportlicher, erfahrener. Einer, der scheinbar schon weiß, wie die Welt funktioniert. Der jüngere Bruder dagegen ist unsicherer, stiller, stärker in Gedanken versunken.

Dann begegnet er am Strand Filip. Einem Jungen, der ihn fasziniert, ohne dass er diese Faszination sofort einordnen kann. Er beobachtet ihn, sucht seine Nähe, erfindet Gründe, um Zeit mit ihm zu verbringen. Schnell wird dann aus Neugier Begehren.

Gottschick erzählt diese Annäherung als etwas, das aus Blicken, kleinen Gesten, Scham und Projektion entsteht. Genau das passt gut zu diesem Alter. Mit fünfzehn weiß man oft noch nicht, was man genau fühlt. Oder man weiß es, aber erschrickt davor. Man beobachtet sich selbst beim Fühlen und ist zugleich überfordert davon.

Ein Jahrzehnt, das gut zum Roman passt

Ich mochte sehr, dass der Roman Ende der 1990er-Jahre spielt. Dieses Jahrzehnt passt zur Geschichte, weil es eine Zeit vor Smartphones, vor ständiger Erreichbarkeit und vor der heutigen Sichtbarkeit vieler Lebensentwürfe ist.

Natürlich gab es auch damals queere Menschen und queere Sehnsucht, aber für einen Jugendlichen im Familienurlaub war vieles vermutlich weniger sichtbar und viel schwerer einzuordnen als heute. Man konnte nicht einfach kurz etwas googeln, sich heimlich durch Videos klicken, in Foren oder Communitys nach Antworten suchen und dabei nach und nach Begriffe finden, die dem eigenen Gefühl eine Form geben. Vieles blieb deshalb erst einmal in der Fantasie und in dieser ständigen Anspannung, dass jemand etwas merken könnte.

Gerade dadurch bekommt der Roman seine Spannung. Es passiert nicht die ganze Zeit etwas Spannendes und vieles bleibt unausgesprochen. Das Jahrzehnt verstärkt diese Sprachlosigkeit. Und ich glaube, genau deshalb passt es so gut zu diesem Stoff.

Aufgeschlagener Roman „Damals im Sommer“ von Florian Gottschick am Fluß
„Damals im Sommer“ von Florian Gottschick

Ein Urlaub, der kein freier Raum ist

Sommerurlaub klingt erst einmal nach Freiheit. Aber in „Damals im Sommer“ ist der Urlaub kein freier Raum. Er ist eher ein geschlossener Raum mit Sonne. Denn die Familie ist immer da. Der Bruder ist immer da. Alles wirkt offen und weit, Strand, Meer, Ferien, aber zugleich ist der Erzähler ständig damit beschäftigt, sich selbst und die anderen zu beobachten. Wer schaut wen an? Wer bemerkt etwas? Wer gehört zu wem? Wer darf selbstverständlich sein und wer muss sich innerlich kontrollieren?

Das fand ich interessant, weil der Druck im Roman nicht nur von einer offen feindlichen Außenwelt kommt, sondern auch aus der Nähe der eigenen Familie entsteht. Aus dem ständigen Zusammensein, aus Vergleichen mit dem älteren Bruder und aus dieser unausgesprochenen Erwartung, dass man sich möglichst selbstverständlich in eine Richtung entwickelt, die für alle anderen normal wirkt. Gerade in dieser Enge wird Filip für den Erzähler zu einer Art Gegenbild. Er steht für etwas, das möglich sein könnte, aber noch keinen sicheren Ort hat.

Erste Liebe, Scham und Eifersucht

Was mir an „Damals im Sommer“ gefallen hat, ist, dass Gottschick die erste Liebe nicht verklärt. Sie ist nicht nur zart und schön, sondern auch peinlich, ungerecht, egoistisch und manchmal ziemlich schmerzhaft. Der Erzähler beobachtet Filip, seinen Bruder, die Eltern und vor allem sich selbst sehr genau, vergleicht sich ständig und schwankt zwischen dem Wunsch, gesehen zu werden, und der Angst, dass genau das passieren könnte.

Er will in Filips Nähe sein, weiß aber noch gar nicht richtig, was diese Nähe für ihn bedeutet. Er ist neugierig, sehnsüchtig und gleichzeitig neidisch, weil sich alles, was er fühlt, noch nicht sortieren lässt. Da ist der Wunsch nach Aufmerksamkeit, vielleicht auch nach Bestätigung, aber eben noch keine Sprache, mit der er das aussprechen könnte.

Gerade das wirkt glaubwürdig, weil erste Liebe selten so rein und eindeutig ist, wie man sie später vielleicht gern erinnert. Sie ist oft ein Durcheinander aus Sehnsucht, Körper, Unsicherheit, Beschämung und der panischen Frage, ob man mit dem, was man fühlt, allein ist. Der Roman trifft dieses Durcheinander sehr gut, ohne es zu sehr zu erklären.

Warum der Roman so filmisch wirkt

Beim Lesen hatte ich immer wieder den Gedanken, dass man diesen Roman sehr gut verfilmen könnte, vielleicht sogar besser als manche längeren Bücher, in denen äußerlich viel mehr passiert. Das liegt vor allem daran, wie Gottschick erzählt. Viele Szenen funktionieren über Bilder: Licht, Wasser, Körper, Ferienhäuser, Strand, Wege und Blicke. Man sieht diesen Sommer fast vor sich und spürt diese Mischung aus Freiheit, Trägheit und Anspannung.

Gleichzeitig passiert sehr viel zwischen den Zeilen. Die Figuren sagen nicht unbedingt, was sie meinen, sondern schauen, schweigen, weichen aus, bleiben stehen oder gehen weg. Gerade für einen Film wäre das spannend, weil der Roman ohnehin stark über Atmosphäre funktioniert und über all das, was nicht ausgesprochen wird. Über Nähe, die in einer Einstellung länger dauern kann als in einem Satz. Und über einen Blick, der für den einen alles bedeutet und für den anderen vielleicht nur ein Blick war.

Ich habe erst später mehr über Florian Gottschick gelesen und erfahren, dass er auch Regisseur und Drehbuchautor ist. Das hat meinen ersten Eindruck bestätigt. Natürlich erklärt das nicht alles, aber beim Lesen hatte ich dieses Gefühl schon vorher. Der Roman denkt in Szenen und Stimmungen, nicht in großen Erklärungen.

Was mir etwas zu kurz kam

So sehr ich die Konzentration des Romans mochte, ich fand ihn tatsächlich auch etwas kurz. Natürlich muss nicht jedes Buch 400 Seiten haben, und viele Romane würden sogar gewinnen, wenn sie weniger erklären und mehr weglassen würden. Aber hier hatte ich an manchen Stellen das Gefühl, dass einzelne Figuren und Spannungen noch etwas mehr Raum verdient hätten.

Gerade die Beziehung zum Bruder hätte für mich noch stärker ausgearbeitet werden können, weil sich darin sehr viel bündelt: Bewunderung, Konkurrenz, Unsicherheit und dieser Wunsch, nicht der Kleinere, Schwächere oder weniger Erfahrene zu sein. Auch Filip bleibt an manchen Stellen eher eine Figur, auf die der Erzähler seine Sehnsucht richtet, als ein Mensch, den man wirklich vollständig zu fassen bekommt.

Das kann man natürlich gut begründen, weil der Roman konsequent aus der Perspektive eines Jungen erzählt, der damals selbst noch nicht verstanden hat, was da eigentlich mit ihm passiert. Vielleicht kann Filip in dieser Erinnerung deshalb gar nicht klarer werden. Vielleicht muss er genau so erscheinen: als Sehnsuchtsfigur, als Auslöser, als jemand, der etwas in Bewegung setzt, ohne selbst genau zu wissen, was er bei einem anderen Menschen auslöst. Trotzdem hätte ich mir manchmal gewünscht, noch etwas länger in dieser Welt zu bleiben. Der Roman wirkt nicht unfertig, aber sein Stoff hätte aus meiner Sicht mehr Raum vertragen.

Die Melancholie der Rückschau

Am stärksten ist „Damals im Sommer“ für mich dort, wo der Roman aus der Rückschau erzählt. Es geht eben nicht nur darum, was in diesem Sommer passiert ist, sondern auch darum, was davon später bleibt und welche Bedeutung ein Erlebnis erst bekommt, wenn man längst älter geworden ist.

Manche Dinge versteht man nicht in dem Moment, in dem sie passieren. Man versteht sie Jahre später oder glaubt zumindest, sie besser zu verstehen, weil man sie immer wieder neu sortiert. Ein Satz, ein Blick, eine Berührung oder ein Nachmittag am Wasser können rückblickend plötzlich größer wirken, als sie damals vielleicht waren.

Mit etwas Abstand merkt man manchmal erst, warum einem bestimmte Momente nicht aus dem Kopf gehen. Genau davon lebt der Roman für mich. „Damals im Sommer“ erzählt von einer Erfahrung, die vorbei ist, aber innerlich noch nicht ganz erledigt wirkt. Und das ist für mich der traurigste Gedanke daran: Dass manche Menschen nur kurz im eigenen Leben auftauchen und trotzdem etwas hinterlassen.

Warum der Titel so gut passt

Der Titel passt für mich sehr gut, gerade weil er so schlicht ist. „Damals im Sommer“ klingt erst einmal fast allgemein, als könnte es um irgendeinen Sommer gehen, an den man sich später erinnert. Aber genau das trifft den Kern des Romans.

Denn erzählt wird eben nicht einfach ein Urlaub, sondern ein Sommer, der in der Erinnerung größer wird, als er damals vielleicht gewirkt hat. Eine kurze Zeit, in der etwas passiert, das der Erzähler noch nicht richtig einordnen kann, das aber trotzdem bleibt.

Dieses „Damals“ im Titel finde ich dabei besonders wichtig. Es schafft Abstand und zeigt zugleich, dass die Geschichte für den Erzähler nicht einfach erledigt ist. Wer von „damals“ spricht, schaut noch einmal zurück, prüft bestimmte Momente neu und fragt sich vielleicht, ob man heute besser versteht, was früher eigentlich passiert ist.

Mein Fazit

„Damals im Sommer“ ist ein kurzer, sehr atmosphärischer Roman über erste Liebe, queeres Erwachen und diese Unsicherheit, die einen Sommer erst Jahre später richtig verständlich macht. Florian Gottschick erzählt davon leise und konzentriert, mit Blicken, Scham, Sehnsucht und einer Melancholie, die gut zu dieser Geschichte passt.

Für mich hätte der Roman an manchen Stellen trotzdem etwas mehr Raum vertragen. Einige Figuren und Beziehungen bleiben skizzenhafter, als ich es mir gewünscht hätte. Gleichzeitig passt diese Kürze auch wieder zur Geschichte selbst, weil sie von einem Sommer erzählt, der vorbei ist, bevor man überhaupt begreifen kann, was er bedeutet hat.

Ich mochte das sehr. Vor allem die Atmosphäre, das Jahrzehnt, die filmische Qualität und dieses melancholische Gefühl, dass Erinnerungen nicht verschwinden, nur weil man älter geworden ist.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Fakten zum Buch

Titel: Damals im Sommer
Autor: Florian Gottschick
Verlag: Penguin
Erscheinungsdatum: 26. April 2023
Umfang: 192 Seiten
ISBN: 978-3-328-60143-2
Preis: 18,00 Euro

Florian Gottschick wurde 1981 in Frankfurt am Main geboren. Er arbeitet als Regisseur, Drehbuchautor und Romanautor. Sein Roman „Damals im Sommer“ erschien 2023 bei Penguin. Zuvor veröffentlichte er 2021 den Roman „Henry“. Als Regisseur und Drehbuchautor war er unter anderem für Film- und Fernsehproduktionen tätig.

Mehr Filmkritiken, Serienempfehlungen und Kulturtipps findet ihr in meiner Rubrik Kino und Kultur.

PS: Wer jetzt mega aufmerksam meinen Blog verfolgt, dem wird aufgefallen sein, dass ich das Buch bereits im Sommer 2023 gelesen habe und zwar in der Holsteinischen Schweiz :)!


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