
Manche Bücher erkennt man ziemlich schnell. Nicht im Sinne von: Man weiß nach 20 Seiten schon exakt, was passieren wird. Sondern eher so: Man versteht den Ton, die Richtung, die emotionale Temperatur. Bei „Restsommer“ von Kea von Garnier war das bei mir relativ früh der Fall. Eine queere Liebesgeschichte, die ich euch empfehlen möchte.
Ein Sommer. Eine Kleinstadt. Zwei Jungs. Eine erste Liebe. Dazu dieses Gefühl, dass ein Leben, das gerade noch überschaubar wirkte, plötzlich zu eng wird. Das ist kein komplett neuer Stoff. Aber vielleicht ist genau das auch der Grund, warum er funktioniert. Weil viele von uns dieses Gefühl kennen, zumindest in irgendeiner Form: Man steht an einem Punkt, an dem andere längst Erwartungen an einen formuliert haben, während man selbst noch gar nicht richtig weiß, wer man eigentlich ist.
Inhalt
Worum geht es in „Restsommer“?
Dominik ist 16 und lebt in einer niedersächsischen Kleinstadt. Sein Vater ist Bestatter, Dominik soll das Bestattungsinstitut irgendwann übernehmen. Das ist nicht nur ein Beruf, der in seiner Familie weitergegeben werden soll. Es ist fast schon ein Lebensentwurf, der für ihn bereitliegt, bevor er selbst ihn geprüft hat. Sein Vater geht voll und ganz in seinem Job auf.
Dominik kennt sich mit Tod und Trauer erstaunlich gut aus. Mit dem Leben selbst dagegen weniger. Dann kommt kurz vor den Sommerferien Biff in seine Klasse. Biff ist aus Berlin, unangepasst, lässig, impulsiv. Einer, der Bewegung in eine Welt bringt, die vorher fest und unverrückbar wirkte.
Zwischen Dominik und Biff entsteht in diesem Sommer etwas, das größer wird als Freundschaft, größer auch als eine harmlose Schwärmerei. Es ist diese Art von erster Liebe, die alles andere für eine Weile an den Rand drängt: Schule, Familie, Zukunft, Vernunft.
Der Verlag beschreibt den Roman als Geschichte über den Sommer 2003, über Freibad, Bandproben, die Leichen im Keller des Bestattungsinstituts und eine Liebe, für die Dominik Mut braucht. Das trifft den Kern ziemlich gut.
Warum das Buch funktioniert
Was „Restsommer“ stark macht, ist weniger die Handlung als die Atmosphäre. Kea von Garnier erzählt leise, fast zurückhaltend. Das Buch drängt sich nicht auf. Es arbeitet eher über Stimmung, kleine Beobachtungen, Gesten, Unsicherheiten. Man merkt auf fast jeder Seite, dass die Autorin an ihren Figuren hängt. Nicht kitschig, nicht übergriffig, sondern mit echter Zuneigung.
Dominik ist kein großer Rebell. Er ist kein Typ, der einfach alles hinschmeißt und mit wehender Fahne in ein anderes Leben rennt. Er ist unsicher, angepasst, manchmal passiv. Aber genau das macht ihn glaubwürdig. Gerade mit 16 ist man ja selten so souverän, wie Coming-of-Age-Geschichten es manchmal gern behaupten. Man will raus, aber nicht unbedingt allein. Man will anders leben, weiß aber noch nicht, ob man den Preis dafür zahlen kann.
Biff ist als Gegenfigur dazu sehr klar gebaut: Er bringt Unruhe, Energie, Sehnsucht. Man versteht sofort, warum Dominik sich von ihm angezogen fühlt. Biff ist nicht nur ein Junge, in den Dominik sich verliebt. Er ist auch eine Möglichkeit. Ein Blick auf ein anderes Leben.
Das ist vielleicht der schönste Gedanke des Romans: Dass manche Menschen nicht deshalb so wichtig für uns werden, weil sie für immer bleiben, sondern weil sie uns zeigen, dass es überhaupt andere Wege gibt.

Queere erste Liebe ohne großes Drama
Besonders gelungen finde ich, dass die Beziehung zwischen Dominik und Biff nie wie ein pädagogisches Thema behandelt wird. „Restsommer“ ist ein queerer Roman, aber keiner, der seine Figuren auf eine Problemgeschichte reduziert.
Natürlich gibt es Druck. Natürlich gibt es Erwartungen. Natürlich ist die Kleinstadt kein völlig freier Raum, in dem zwei Jungs einfach unbeschwert lieben können. Aber das Buch erzählt die Beziehung nicht ausschließlich über Angst und Verletzung. Es erlaubt den beiden auch Leichtigkeit, Begehren, Humor, Zärtlichkeit.
Das ist wichtig. Gerade queere Geschichten wurden lange vor allem als Leidensgeschichten erzählt. Coming-out, Ablehnung, Gewalt, Verlust. Diese Geschichten sind real und sie bleiben relevant. Aber sie sind eben nicht alles.
„Restsommer“ zeigt eher eine erste Liebe, wie viele queere Jugendliche sie vielleicht gerne erlebt hätten: vorsichtig, aufregend, riskant, aber nicht grundsätzlich zerstörerisch. Das macht den Roman warm. Vielleicht manchmal sogar ein bisschen zu warm, aber dazu gleich mehr.
Die 2000er als Erinnerungsraum
Der Roman spielt im Sommer 2003. Das ist klug gewählt, weil diese Zeit nah genug ist, um vielen Leser:innen noch vertraut zu sein, aber weit genug weg, um schon eine eigene Nostalgie zu erzeugen.
2003 war eine Zwischenzeit. Noch nicht komplett digital, aber auch nicht mehr wirklich analog. Handys waren da, aber sie bestimmten noch nicht jede Sekunde. Man traf sich noch anders, wartete anders, vermisste anders. Für eine Geschichte über Sehnsucht und Unsicherheit ist das ein guter Resonanzraum.
Kea von Garnier nutzt diese Zeit nicht als reine Kulisse. Der Roman fühlt sich nicht an wie eine Liste nostalgischer Requisiten. Trotzdem entsteht beim Lesen dieses spezifische Gefühl: Freibad, Hitze, Musik, Sommerferien, Landstraßen, dieses endlose Warten darauf, dass endlich etwas passiert. Ich kann das alles mit meinem eignen Kleinstadt-Dasein als Jugendlicher sehr gut nachvollziehen.
Ich hatte beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass der Roman auch als Film sehr gut funktionieren würde. Man sieht vieles sofort vor sich. Die Kleinstadt. Das Bestattungsinstitut. Die heißen Tage. Die stillen Momente zwischen Dominik und Biff. Das ist eine Stärke, aber auch ein kleiner Schwachpunkt.
Wo mir Reibung gefehlt hat
So sensibel „Restsommer“ erzählt ist, so sehr hatte ich zwischendurch das Gefühl, dass der Roman etwas zu genau weiß, was er sein möchte. Er bewegt sich sehr sicher in bekannten Motiven: erste Liebe, Kleinstadt, Erwachsenwerden, familiäre Erwartungen, der Wunsch nach Ausbruch. Das ist alles super sauber erzählt. Handwerklich ist das für ein Debüt wirklich stark. Aber genau diese Sicherheit nimmt dem Buch manchmal die Überraschung.
Ich hätte mir an manchen Stellen mehr Widerstand gewünscht. Einen Moment, in dem eine Figur nicht so reagiert, wie man es erwartet. Eine Szene, die weh tut. Eine Entscheidung, die wirklich unbequem ist. Einen Bruch, der nicht sofort wieder atmosphärisch aufgefangen wird.
„Restsommer“ ist sehr zärtlich mit seinen Figuren. Vielleicht manchmal zu zärtlich. Dominik und Biff dürfen sich entwickeln, aber der Roman schützt sie auch. Das macht das Lesen angenehm, nimmt der Geschichte aber an einigen Stellen die Härte, die sie durchaus hätte vertragen können.
Gerade weil Dominik als Sohn eines Bestatters so nah am Tod lebt, hätte ich erwartet, dass dieser Kontrast noch schärfer genutzt wird: hier die tägliche Routine des Abschieds, dort die erste große Liebe, die alles auf Anfang stellt. Dieser Gegensatz ist da, keine Frage. Aber er hätte für meinen Geschmack noch mehr Druck entwickeln können.
Trotzdem bleibt etwas hängen
Und trotzdem: „Restsommer“ hat etwas, das viele perfekt konstruierte Romane nicht haben. Eine Stimmung, die bleibt. Es gibt Bücher, bei denen man nach der letzten Seite vor allem über die Handlung nachdenkt. Und es gibt Bücher, bei denen man eher ein Gefühl mitnimmt. „Restsommer“ gehört für mich klar zur zweiten Kategorie.
Ich werde mich wahrscheinlich weniger an einzelne Plotpunkte erinnern als an diesen flirrenden Ton. An das Gefühl, dass ein Sommer gleichzeitig endlos und viel zu kurz sein kann. An Dominiks Unsicherheit. An Biffs Hunger auf Leben. An diese Mischung aus Aufbruch und Melancholie, die der Titel sehr gut einfängt.
Für wen lohnt sich „Restsommer“?
Wenn ihr Coming-of-Age-Romane mögt, die eher über Atmosphäre als über große Plot-Twists funktionieren, ist „Restsommer“ ziemlich sicher etwas für euch. Besonders gut passt das Buch, wenn ihr Geschichten über erste Liebe, queeres Erwachsenwerden, Kleinstadt-Enge und sommerliche Übergänge mögt. Wer dagegen einen Roman sucht, der erzählerisch stark bricht, provoziert oder formal etwas wagt, wird vielleicht etwas vermissen.
Für mich ist „Restsommer“ ein sehr gelungenes Debüt mit kleinen Schwächen. Sensibel, nah an den Figuren, sprachlich sicher und emotional glaubwürdig. Gleichzeitig hätte ich mir gewünscht, dass Kea von Garnier an manchen Stellen mehr riskiert und dem Stoff etwas mehr Zumutung zutraut.
Aber das ist auch Geschmackssache. Nicht jedes Buch muss weh tun, um gut zu sein. Manchmal reicht es, wenn es einen für ein paar Stunden in einen Sommer zurückversetzt, in dem alles möglich schien und trotzdem nichts einfach war.
Mein Fazit: „Restsommer“ ist ein zärtlicher, atmosphärisch dichter Coming-of-Age-Roman über zwei Jungs, die sich in einem Sommer begegnen und danach nicht mehr dieselben sind. Kein perfektes Buch, aber ein sehr schönes. Mit minimalem Abzug für die Vorhersehbarkeit.
Bewertung: 4,5 von 5 Sternen
Fakten zum Buch
Titel: Restsommer
Autorin: Kea von Garnier
Verlag: Blessing
Erscheinungsdatum: 18. März 2026
Umfang: 400 Seiten
ISBN: 978-3-89667-785-3
Preis: 24,00 Euro
Kea von Garnier ist Autorin und Schreibmentorin, lebt in Königstein im Taunus und Hildesheim und studiert dort Literarisches Schreiben. 2020 erschien ihr erzählendes Sachbuch „Die Vögel singen auch bei Regen“. „Restsommer“ ist ihr erster Roman.

PS: Wer übrigens ähnlich viel Sex wie in Heated Rivalry erwartet, wird enttäuscht sein. Die Figuren nähern sich sehr langsam an ;)!

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