
The Kurze in Tallinn ist kein Restaurant, an dem man einfach achtlos vorbeigeht. Ich habe es zufällig in Kalamaja entdeckt und dort zum ersten Mal dagestanische Küche probiert. Mit bunten Teigtaschen, Hauslimonade, einem überraschend großen Garten und einer Bedienung, die mir konsequent eine Gabel verweigerte.
Inhalt
2–3 Stunden Dagestan
Mit Dagestan verband ich bis zu unserer Reise nach Tallinn vor allem einen ziemlich bescheuerten Social-Media-Kommentar: „2–3 years Dagestan and forget“. Den liest man immer wieder unter Videos von queeren Männern. Die Idee dahinter: Schickt sie ein paar Jahre in die für Ringen und MMA bekannte Kaukasusrepublik und aus ihnen werden schon „richtige Männer“. Aber dagestanische Küche? Nie gehört. Keine Ahnung.
Das änderte sich eher zufällig während unserer Woche in Tallinn. Ich war eines Abends zu Fuß durch Kalamaja unterwegs und kam an einem Gelände vorbei, bei dem ich zunächst nicht so recht wusste, was ich da eigentlich vor mir hatte. Ein bisschen Garten, ein bisschen improvisierte Gastronomie, alte Gebäude, Wimpel, Pflanzen und irgendwo dazwischen ein Restaurant. The Kurze.
Ich fand den Ort von außen ziemlich skurril und habe später natürlich gegoogelt. Als ich die Bilder von den bunten gefüllten Teigtaschen gesehen hatte, stand ziemlich schnell fest: Da müssen wir hin. Das war auch deshalb ein schöner Kontrast zur Tallinner Altstadt. Dort war mir aufgefallen, dass erstaunlich viele Restaurants mit diesen extrem glatten, offensichtlich KI-generierten Bildern ihrer Gerichte warben. Auf mich hatte das eher den gegenteiligen Effekt. Statt Appetit zu bekommen, war ich sofort skeptisch. The Kurze wirkte dagegen schon von außen so wenig durchgestylt, wie ein Restaurant nur wirken kann.
Und genau das machte mich neugierig. Wenn ihr Tallinn nicht nur über die Altstadt kennenlernen wollt, lohnt sich ohnehin ein längerer Spaziergang durch Kalamaja und Telliskivi. Wir haben während unserer Reise direkt in Kalamaja gewohnt und ich mochte gerade die Mischung aus alten Holzhäusern, ehemaligen Industrieflächen, Cafés und ganz normalem Wohnviertel besonders.




Was ist The Kurze?
The Kurze liegt in der Kopli 23 im Norden Tallinns. Das Restaurant wurde von Nuriyan Navruzova gegründet, die aus Dagestan stammt und zuvor als Journalistin gearbeitet hat. Nach Angaben des Restaurants begann sie zunächst damit, zu Hause Kurze zuzubereiten. Daraus entwickelte sich schließlich das Restaurant.
Dagestan liegt im Nordkaukasus und gehört zur Russischen Föderation. Die Region ist ethnisch und sprachlich außergewöhnlich vielfältig. Genau diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Küche wider. Das Herzstück des Restaurants sind die Kurze, nach denen der Laden benannt ist.
Was sind Kurze?
Kurze sind gefüllte dagestanische Teigtaschen. Auffällig ist vor allem die Art, wie der Teig verschlossen wird: Die Ränder werden kunstvoll ineinandergefaltet, sodass eine Art geflochtenes Muster entsteht. Bei unserem Besuch gab es verschiedene Varianten. Auf der Tafel standen unter anderem Lamm, Rind, Käse, Kartoffel und Kürbis.
Wir bestellten einen Mix. Meine Begleitung probierte auch die Fleischvarianten, ich blieb bei den vegetarischen Kurze mit Käse, Kartoffel und Kürbis. Und die waren wirklich durchweg lecker.
Die Füllungen unterschieden sich deutlich genug voneinander, dass sich der Mix lohnt. Der Teig war weich, die Füllungen würzig und dazu wurden verschiedene Dips gereicht. Gerade weil ich vorher überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was mich erwartet, war das eines der interessantesten Essen unserer Reise.
Und dann wollte ich eine Gabel
An dieser Stelle lernte ich allerdings, dass ich offenbar einen kulinarischen Fehler begangen hatte. Ich fragte die Bedienung nach Besteck. Die Reaktion war irgendwo zwischen Entsetzen und persönlicher Beleidigung. Sie erklärte mir ziemlich bestimmt, dass man Kurze mit den Händen isst. Maximal ein Löffel sei erlaubt. Eine Gabel würde sie mir jedenfalls nicht bringen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Entsetzen gespielt war. Eine Gabel bekam ich trotzdem nicht :)! In Tallinn hatte ich den Service in Restaurants und Cafés sonst fast überall als ausgesprochen freundlich, aber auch eher zurückhaltend erlebt. Bei The Kurze war der Umgang plötzlich wesentlich direkter und persönlicher.





Das Gelände ist viel größer, als es von außen aussieht
Was ich beim ersten Vorbeilaufen überhaupt nicht verstanden hatte: Hinter dem eher unscheinbaren Eingang verbirgt sich ein ziemlich großes Gelände. Es gibt einen weitläufigen Garten mit Tischen zwischen Blumen, Wiesen und Bäumen, kleine Holzbauten, eine offene Küche, Wimpelketten und zusammengewürfelte Sitzgelegenheiten. Drinnen stehen alte Holzmöbel, Teppiche und große Gemeinschaftstische. Vieles wirkt eher gewachsen als geplant. Und genau das mochte ich.
The Kurze sieht nicht aus, als hätte jemand vorher ein Moodboard erstellt und anschließend jedes Detail auf maximale Instagram-Tauglichkeit optimiert. Der Ort ist ein bisschen wild, ein bisschen improvisiert und stellenweise tatsächlich ziemlich skurril. Wir saßen draußen und hatten eher das Gefühl, in einem großen Garten zu essen als in einem klassischen Restaurant mitten in Tallinn.
Auch bei den Getränken läuft The Kurze etwas anders als viele andere Restaurants. Klassische Softdrinks standen bei unserem Besuch nicht auf der Karte. Stattdessen gab es hausgemachte Limonaden. Ich hatte eine rote Variante für 5 Euro. Die war okay. Wer Limonade eher frisch und säuerlich mag, sollte sich darauf einstellen. Zum Gesamtkonzept passte sie allerdings ziemlich gut.
Lohnt sich The Kurze in Tallinn?
Für mich eindeutig ja. Und zwar nicht nur wegen des Essens. The Kurze war einer dieser Orte, an die ich mich nach einer Reise ziemlich sicher länger erinnern werde als an manches perfekt eingerichtete Restaurant.
Ich wusste vorher praktisch nichts über dagestanische Küche, hatte den Laden zufällig bei einem Spaziergang entdeckt und saß wenige Tage später mit einer bunten Teigtasche in der Hand in einem ziemlich wilden Garten in Kalamaja, nachdem mir gerade eine Gabel verweigert worden war. Genau solche Zufallsentdeckungen mag ich auf Reisen.
Wenn ihr mehrere Tage in Tallinn seid, würde ich deshalb zumindest einen Abend außerhalb der Altstadt einplanen. Gerade rund um Kalamaja findet ihr einige Orte, die sich deutlich weniger touristisch anfühlen. Ganz in der Nähe habe ich zum Beispiel auch den Balti Jaama Turg mehrfach besucht. Die Mischung aus klassischem Markt, Streetfood, Secondhand und moderner Markthalle war für mich ebenfalls typisch für diese Seite Tallinns.
Und wenn ihr guten Kaffee mögt, würde ich bei einem Spaziergang durch Kalamaja einen Abstecher zum Kiosk No. 4 machen. Das kleine Café wurde während unserer Woche ziemlich schnell zu meinem Lieblingscafé in Tallinn.



The Kurze auf einen Blick
- Adresse: Kopli 23, Tallinn
- Küche: Dagestanisch
- Vegetarisch: Ja, bei unserem Besuch unter anderem Kurze mit Käse, Kartoffel und Kürbis
- Kurze-Mix bei unserem Besuch: 16 Euro
- Hausgemachte Limonade: 5 Euro
- Reservierung: Würde ich besonders bei gutem Wetter empfehlen
- Mein Tipp: Kurze mit den Händen essen und gar nicht erst nach einer Gabel fragen
Die Öffnungszeiten würde ich bewusst nicht fest in den Artikel schreiben, weil sich solche Angaben ändern können. Die aktuellen Zeiten und Reservierungsmöglichkeiten findet ihr direkt auf der Website von The Kurze.

PS: Noch mehr Eindrücke aus der Stadt findet ihr in meinem großen Tallinn-Guide mit Tipps für eine Woche ohne Mietwagen. Dort sammle ich meine Beiträge zu Vierteln, Cafés, Restaurants, Architektur und Ausflügen rund um Tallinn.

FAQ zu The Kurze in Tallinn
Wo liegt The Kurze in Tallinn?
The Kurze liegt in der Kopli 23 in Kalamaja, nördlich der Tallinner Altstadt. Das Restaurant befindet sich auf einem ungewöhnlich großen Gelände mit Garten und zahlreichen Sitzplätzen im Freien.
Wie komme ich zu The Kurze?
Von der Tallinner Innenstadt kommt ihr unkompliziert mit der Straßenbahn Richtung Kopli nach Kalamaja. Alternativ lässt sich der Besuch gut mit einem längeren Spaziergang durch das Viertel verbinden.
Von der Altstadt solltet ihr zu Fuß ungefähr 30 Minuten einplanen.
Welche Küche bietet The Kurze?
The Kurze ist auf dagestanische Küche spezialisiert. Namensgeber sind Kurze, traditionell gefüllte Teigtaschen aus Dagestan. Daneben stehen weitere Gerichte aus dem Nordkaukasus auf der Karte.
Was sind Kurze?
Kurze sind gefüllte Teigtaschen aus Dagestan. Typisch ist ihre kunstvoll gefaltete Form. Bei The Kurze gibt es verschiedene Füllungen mit Fleisch sowie vegetarische Varianten.
Gibt es bei The Kurze vegetarisches Essen?
Ja. Bei unserem Besuch gab es vegetarische Kurze mit Käse, Kartoffel und Kürbis. Das Angebot kann sich allerdings ändern.
Wie teuer ist The Kurze?
Bei unserem Besuch kostete der Kurze-Mix 16 Euro. Eine hausgemachte Limonade kostete 5 Euro.
Preislich lag The Kurze damit für uns im normalen Bereich für ein Restaurant in Tallinn.
Muss ich bei The Kurze reservieren?
Ich würde eine Reservierung empfehlen, vor allem abends und bei gutem Wetter. Der Garten ist zwar groß, das Restaurant aber längst kein unbekannter Tipp mehr.
Kann man bei The Kurze draußen sitzen?
Ja. Gerade der große und etwas wilde Garten gehört für mich zu den schönsten Besonderheiten von The Kurze. Bei gutem Wetter würde ich deshalb definitiv draußen sitzen.
Wie isst man Kurze?
Am besten mit den Händen. Das habe ich bei meinem Besuch spätestens gelernt, als mir die Bedienung nach meiner Frage nach einer Gabel erklärte, dass ich keine bekommen würde.
Ein Löffel war immerhin erlaubt.
Gibt es bei The Kurze normale Softdrinks?
Bei unserem Besuch gab es keine klassischen Softdrinks wie Cola, sondern hausgemachte Limonaden. Meine rote Limonade kostete 5 Euro und war ziemlich süß.

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