
Ich habe The Comeback viel zu spät entdeckt. Oder vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt. Selten habe ich eine Serie gesehen, die so unangenehm komisch, so klug und gleichzeitig so hellsichtig ist. Valerie Cherish stolpert seit 2005 durch ein Showbusiness, das sie demütigt, benutzt und trotzdem nicht loswird. 2026 wirkt das nicht mehr wie Satire von gestern, sondern wie eine ziemlich genaue Diagnose unserer Gegenwart: über KI, Selbstinszenierung, Alter, Sichtbarkeit und die Frage, wie lange man lächeln kann, wenn man längst durchschaut hat, was mit einem passiert.
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Wenn eine Serie plötzlich Gegenwart wird
Die sechste Folge der dritten Staffel von The Comeback ist seit wenigen Tagen bei HBO Max verfügbar. Und sie fühlt sich an wie ein kleines Finale, obwohl sie keines ist. Valerie Cherish steht plötzlich sehr allein da. Ihre neue Sitcom, die ihr eigentlich das große Zurück-ins-Fernsehen ermöglichen sollte, wird zum Skandal, weil herauskommt, dass sie von einer KI geschrieben wurde. Die Branche ist empört, die Autor:innen sind wütend, das Projekt wackelt.
Und Valerie macht das, was Valerie Cherish seit 2005 macht: Sie lächelt, taktiert, verhandelt, versucht die Kamera auf ihrer Seite zu behalten und merkt doch, dass sie längst nicht mehr kontrolliert, welche Geschichte über sie erzählt wird.
Ich habe die Show erst in diesem Jahr entdeckt. Dabei wurde Staffel 1 bereits 2005 das erste Mal gezeigt. Etliche Jahre später folgte Staffel 2, nun also die 3 und letzte Staffel. Und dieser Weg, von damals nach heute, von einer abgesetzten HBO-Comedy zur Prophet-Serie, macht etwas mit einem. Weil er einem zeigt, wie sehr die Realität die Fiktion eingeholt hat. Und weil das Thema, mit dem The Comeback 2026 endet, genau das Thema ist, das gerade überall stattfindet.
KI als Beziehungstest
Valerie Cherish bekommt in Staffel 3 die Hauptrolle in einer Sitcom. Was zunächst fanastisch klingt, erpuppt sich ziemlich schnell als heikel: Die Show wird von einer KI geschrieben. Einem hauseigenen Modell namens „AL“, entwickelt vom fiktiven Sender NuNet, formal im Rahmen der WGA-Vereinbarungen, praktisch aber eine Zeitbombe im gesamten Kreativbetrieb.
Was The Comeback daraus macht, ist eine interessante Charakterstudie. Valerie reagiert nicht mit Empörung, sondern mit Kalkül. Sie bricht ihre NDA, um Talent anzulocken. Sie verhandelt. Sie lächelt. Sie überlebt.
Das ist deshalb so treffsicher, weil die Frage, die die Staffel stellt, nicht lautet: Ist KI gut oder schlecht? Sondern: Was tun Menschen in einem System, das sie gerade verdrängt, um trotzdem relevant zu bleiben? Und genau das ist Valeries Grundfrage seit 2005 – dieses Mal nur unter anderen Vorzeichen.
Dass diese Staffel in einer Zeit erscheint, in der Studios tatsächlich KI-generierte Drehbücher in Auftrag geben und der WGA-Strike von 2023 genau darum tobte, ist kein Zufall und kein Glück. Es ist das dritte Mal, dass The Comeback einfach Recht hatte.

Eine Serie, die immer zu früh war
Als die Serie im Jahr 2005 das erste Mal lief, interessierten sich nur wenige für sie. Nach der ersten Staffel war Schluss. Die New York Times fand die Show damals „interessant“, aber letztlich weniger unterhaltsam als Entourage. Was damals fehlte, war Kontext. The Comeback persiflierte Reality-TV und den Alltag hinter den Kulissen, in einer Zeit, in der beides noch nicht in dem Ausmaß existierte, das die Satire eigentlich brauchte. Die Zielscheibe war zu nah. Man konnte nicht drauf zielen, ohne selbst im Bild zu sein.
2014 kam Staffel 2, also neun Jahre später. Inzwischen hatte das Publikum The Office, Parks and Recreation und eine ganze Streaminglandschaft aus selbstreferenziellen Formaten. Jetzt wirkte die Mockumentary-Ästhetik nicht mehr seltsam, sondern präzise.
Das Alter als Zumutung (aus Sicht von 2026)
Die erste Staffel sieht man heute anders als 2005. Das ist unvermeidlich, und es lohnt sich, genau hinzuschauen. Valerie Cherish ist Mitte vierzig. Für die Produktion, in der sie mitspielt, ist sie die „Tante Sassy“, der ältere Einschlag, die Rolle, die keine Protagonistin mehr ist. Die Demütigungen, die ihr Schreiber Paulie G. zufügt, werden oft mit ihrem Alter verknüpft. Sie ist out of touch, nicht mehr attraktiv genug für die erste Reihe, nicht mehr jung genug, um ernst genommen zu werden.
2005 war das beißende Satire. 2026 liest es sich wie ein Dokument. Denn die Unterhaltungsindustrie behandelt Frauen ab einem bestimmten Alter noch heute nach denselben Logiken. Bemerkenswert: Lisa Kudrow, die Valerie spielt und die Serie mitentwickelt hat, ist heute 62 Jahre alt. Sie hat die Figur erfunden, als sie selbst Anfang vierzig war und gerade Friends hinter sich hatte. Was sie damals über das Frauenbild in Hollywood schrieb, gilt noch immer. Die Schärfe von Staffel 1 liegt gerade darin, dass sie diese Logiken nicht bricht, sondern vorführt. Valerie kämpft nicht gegen das System. Sie lächelt es an, weil sie keine andere Wahl hat.
In Staffel 2 wird das noch schwerer auszuhalten. Valerie wird in eine Rolle gedrängt, in der sie Sexismus buchstäblich wegzulächeln hat, Folge für Folge. Ich hatte dabei echte Schwierigkeiten, einige Episoden durchzusehen. Das Unbehagen ist gewollt und sitzt. Was Lisa Kudrow dabei leistet, ist bemerkenswert. Sie spielt keine Karikatur, sondern eine Frau, die genau weiß, was mit ihr passiert, und es trotzdem nicht benennt. Diese Schicht, das Wissen unter der Oberfläche, ist das Anspruchsvollste an der Figur.
Der Mockumentary-Aspekt und was er leistet
The Comeback funktioniert formal wie ein Dokument, das von innen gefilmt wird. Valerie hat ein Kamerateam engagiert, das ihre Rückkehr ins Fernsehen begleitet. Das Team ist immer im Raum. Und weil es immer im Raum ist, verändert es alles.
Valerie performt dadurch ständig, ohne verlogen zu wirken. Und in dieser Spannung, zwischen dem, was sie zeigt, und dem, was die Kamera trotzdem einfängt, entsteht die eigentliche Komödie. Das Gerät zeigt mehr, als Valerie preisgibt.
Diese Entscheidung war 2005 ungewöhnlich. Heute ist das Mockumentary-Format so etabliert, dass man vergisst, wie früh The Comeback es für eine Charakterstudie eingesetzt hat.
Staffel 3 experimentiert damit. Einige Szenen verlassen das Kamerateam-Setup zugunsten konventioneller Perspektiven. Das ist eine nachvollziehbare Entscheidung, weil Valeries Welt größer geworden ist, und es ist auch ein kleiner Verlust. Die Einschränkung war ein Stilmittel. Wenn sie fällt, verliert die Serie etwas von ihrer Dichte.
Mickey und ein unersetzlicher Verlust
In Staffel 3 ist leider Robert Michael Morris nicht mehr dabei. Er spielte in den ersten Staffeln Valeries Haarstylisten Mickey, der gleichzeitig ihr engster Freund und loyalster Verbündeter ist. Die Rolle wurde von Michael Patrick King und Lisa Kudrow für ihn geschrieben. King war sein ehemaliger Student. Robert Michael Morris starb am 30. Mai 2017. Er wurde 77 Jahre alt.
Mickey ist derjenige, der immer da ist. Der keine Agenda hat außer Zuneigung. Der Valerie sieht, ohne ihr zu schmeicheln und sie seit Folge 1 aussehen lässt wie eine Hollywood-Schauspielerin der 80er-Jahre. Das macht die Figur in Staffel 1 so unentbehrlich: Ohne Mickey hat Valerie niemanden, der ihr außerhalb der Kamera begegnet.
Kudrow sagte nach seinem Tod, sie habe nicht mal an Staffel 3 gedacht. „Mickey’s irreplaceable.“ Der Satz erklärt, warum es neun Jahre gedauert hat, bis es zur dritten Staffel kam. The Comeback löst das Problem nicht, es zeigt es. In der Premiere erklärt Valerie, Mickey sei an Covid gestorben, der „ersten Runde“. Der Satz sitzt. Und er sitzt auch deshalb, weil die Macher:innen wissen, dass man diese Lücke nicht schließen kann. Also lassen sie sie offen, und das ist die richtige Entscheidung.

Handwerk und Metaebene
The Comeback wurde zum Teil auf demselben Studiogelände der Warner Bros. Studios Hollywood in Burbank, Kalifornien gedreht, auf dem Friends produziert wurde. Für Lisa Kudrow, die Phoebe Buffay gespielt hat, gibt es in dieser Kulisse eine Schicht, die keine Erklärung braucht. Valerie Cherish versucht ins Fernsehen zurückzukehren. Kudrow selbst kam gerade aus einer der erfolgreichsten Sitcoms aller Zeiten.
Die Serie arbeitet mit dieser Metaebene, ohne sie auszuspielen. Es gibt keine direkte Anspielung auf Friends, nur einmal sieht man das Schild am „Friends Stage“ bekannten Stage 24, wo die meisten Staffeln gedreht wurden. Wenn ihr das Friends-Haus einmal besuchen wollt, das befindet sich in New York. Das The Comeback wenig auf Friends referiert, ist handwerklich klug. Wer es sieht, sieht mehr. Wer es nicht sieht, verliert nichts.
Fazit zu The Comeback: Wir sind alle ein bisschen Valerie Cherish
Variety schrieb in seiner Kritik zur dritten Staffel, die Botschaft werde allmählich klar: In dieser Lage ist jetzt jeder Valerie Cherish. Ihr Mann startet ein eigenes Reality-Format. Ihr Manager produziert sich selbst. Die Kamera ist überall.
Das stimmt. Und es erklärt, warum The Comeback gerade jetzt so seltsam wahr wirkt. Social Media hat die Prämisse der Serie demokratisiert. Die Frage, wie viel man von sich zeigt und was das kostet, ist keine Hollywood-Frage mehr. Sie ist eine allgemeine.
Valerie Cherish hat diese Frage nie beantwortet. Sie hat immer weitergemacht. Und dass sie nach 21 Jahren mit einem Lächeln abgeht, das man nicht ganz glaubt und trotzdem gönnt, ist vielleicht das Ehrlichste, was eine Serie über das Showbusiness je gesagt hat.

PS: The Comeback wurde von Lisa Kudrow und Michael Patrick King entwickelt, startete 2005 bei HBO, wurde nach einer Staffel abgesetzt, 2014 für eine zweite Staffel zurückgeholt und kehrte 2026 nach weiterer langer Pause für eine dritte und finale Staffel zurück. Die neuen Folgen drehen sich um Valerie Cherishs Rolle in einer KI-geschriebenen Sitcom namens How’s That?!. In Deutschland ist die achtteilige dritte Staffel seit dem 23. März 2026 bei HBO Max, WOW und Sky Go im Streaming verfügbar; linear läuft sie seit dem 27. März 2026 auf Sky Atlantic.



