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Ruhrpott

Lokale Lädchen: „Der Hans“ in Dortmunds Kaiserviertel

Frisch, saisonal und regional. Stopp, bevor ihr jetzt aufhört zu lesen, weil euch diese Buzzwords der Lebensmittelindustrie auch nur noch so wenig vom Hocker hauen wie mich die Meinung des Papstes zur Homo-Ehe, besucht mit mir doch bitte einmal den Hans in Dortmund. Lasst euch ein auf sein Store-Konzept und einen Gründer, der diese Worte nicht nur umherschleudert, sondern tagtäglich genau das lebt, wofür sie stehen.

Es ist Samstag. Wir befinden uns im Kaiserviertel in Dortmund in einem kleinen Laden, vielleicht 30 Quadratmeter groß. Hier werden regionale und saisonale Lebensmittel von Herstellern aus dem Ruhrgebiet und dem Münsterland angeboten. Obst und Gemüse auf der rechten Seite, Schnaps, Käse, Wurst und Gewürze auf der linken Seite. Inhaber dieses kleinen und sehr feinen Hoflädchens ist Julian Hans. Viele von euch kennen Julian und seinen Laden bestimmt schon. Zur Eröffnung vor ein paar Jahren gab es jede Menge Presse-, Radio- und Blogbeiträge. Läden kommen, Läden gehen. Gutes bleibt. Und deshalb berichte ich an dieser Stelle gerne von genau diesem hier, auch wenn er nicht neu ist.

Denn seit fast drei Jahren gibt es „Der Hans“ schon, zunächst als Pop-Up-Store, dann mit festem Ladenlokal in der Kaiserstraße. Das Konzept, regionale Lebensmittel gepaart mit ausgesuchten Manufaktur-Produkten anzubieten, geht auf. Viele Stammkunden schätzen den Small-Talk mit Inhaber Julian und sind bereit, den ein oder anderen Euro mehr auszugeben als im Supermarkt nebenan. Dafür bekommen seine Kunden nicht nur saisonales Obst und Gemüse, sondern eben auch eine persönliche Beratung und einen netten Plausch. Ein bisschen erinnert mich das an den guten alten Tante-Emma-Laden aus meiner Kindheit – nur nicht in so oll und miefig.

Im Frische-Angebot gibt es immer nur das, was gerade Saison hat. Das heißt, wenn die Erdbeerzeit vorbei ist, gibt es eben einfach keine Erdbeeren mehr. Punkt. Eingeflogene Ware kommt dem Hans nicht in die Tüte. Regionalität first, bio second, ist in Julians Laden das Motto. Endlich mal auch einer, der nicht auf Teufel komm raus Bio-Ware anbieten möchte. Jetzt im Herbst und Winter liegen in den Holzkisten Äpfel, Pastinaken, Schwarzwurzeln und viele Kohlsorten. Eingeflogene Bio-Tomaten sucht man vergeblich. Und auch den Trend der Fleischersatzprodukte á la Wiesenhof geht Julian nicht mit, auch wenn Vegetarier und Veganer das ab und zu nachfragen. Einen Online-Shop gibt es bewusst nicht, da die Hans-Kunden die persönliche Inspiration zu schätzen wissen. Bestellen kann man aber trotzdem: nämlich gutes Fleisch und frisches Brot – beides bietet der Hans auf Vorbestellung an.

Idee im Auslandssemester

Noch steht der 32-Jährige sehr oft selbst hinter der Ladentheke. Er hat lediglich eine Angestellte. Nach drei Jahren ohne längerem Urlaub kommt in ihm der Wunsch auf, mal mehr Freizeit zu haben, so sehr er auch seinen kleinen Laden und das Verkaufen hochwertiger Lebensmittel liebt. Dabei kommt Julian übrigens nicht, wie man jetzt denken könnte, aus einer Unternehmerfamilie oder von einem Bauernhof. Sein Vater war Beamter und anfänglich sehr kritisch, ob die Hoflanden-Idee genug Geld zum Leben abwirft. Dicke Bretter, die da zu bohren waren.

Julian stammt aus dem Münsterland und hat in Dortmund Sprachwissenschaft und BWL studiert. Auf die Idee, einen eigenen Laden und etwas mit Lebensmitteln zu machen, kam er durch seinen Aufenthalt in Finnland. Wie in so vielen anderen Ländern wird dort dem Thema, wie ernähre ich mich, woher kommen die Dinge, die ich esse und wie viel bin ich bereit, dafür zu zahlen, viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als bei uns in Deutschland. Julian hat für seinen Traum einen sicheren Job in der Kommunikationsabteilung eines Konzerns aufgegeben. Statt gutes Geld und eine festen Vertrag, wählte er die Selbstständigkeit und das Risiko. Krasse Sache für mich Schissbuchse.

Und während wir so reden, über Kartoffeln, guten Gin und seine Vergangenheit, kommen nicht nur Kunden in den Laden, sondern auch Besuchergruppen, die eine kulinarische Tour durch das Kaiserviertel gebucht haben. Viele von ihnen sind erstaunt, wie mild der Ziegenkäse schmeckt, den es zum Probieren gibt und wie lecker die Mettwurst ist. Beides sind Produkte aus der unmittelbaren Umgebung: Der Käse stammt von einer Hofkäserei aus Haltern am See, die Wurst aus Senden im Münsterland. Auf der „Hans-Karte“ sind alle Lieferanten aus der näheren Umgebung verzeichnet. Sie hängt über einem alten Holzschrank voll mit Spirituosen aus einer kleinen Manufaktur und deutschem Craft-Bier. So viele schöne Produkte hat Julian hier im Laden, dass man die „Hans-Karte“ glatt übersehen könnte.

Eine Frau, die mit der Besuchergruppe herein gekommen ist, möchte partout keinen Ziegenkäse probieren. „Mag ich nicht“, ist sie überzeugt und schüttelt den Kopf. Wie blöd, denke ich mir. Denn natürlich gibt es viele Dinge, die auch ich nicht mag, aber wenn man von vornherein sagt, man probiert nicht, verpasst man Vieles im Leben. Zumal hier beim Hans keine Standard-Ware verkauft wird. Die Geschmackspalette beim Ziegenkäse ist übrigens breit gefächert, von sehr mild bis würzig-pikant, dass hier generelle Aussagen meiner Meinung nach nicht möglich sind. Und auch Julian bietet in seinem Laden mehrere Sorten an.

Der 32-Jährige hat sich ein Netzwerk aus jungen Bauern und Manufakturen aufgebaut. Viele von ihnen kennt er persönlich. Wenn er auf einen Gin aus Werne angesprochen wird, gerät er ins Schwärmen. Die Geschichten zu den Produkten sind für ihn besonders wichtig, denn sie sind es, die ihn und seine Waren ausmachen. Und diese Geschichten kann man eben viel besser Face-to-Face vermitteln als über einen Online-Shop oder am Supermarktregal. Obwohl ich diese Vorstellung gar nicht schlecht fände. Wie oft stand ich schon in meinem Edeka und hätte gerne jemanden gehabt, der weiß, was er da verkauft und mir sagen kann, warum Saft A besser ist als Saft B und drei Mal so viel kostet. Oder warum die Frischmilch heute viel länger haltbar ist als in meiner Kindheit. Und vor allem, was diese vielen komischen Dinge auf der Zutatenliste bedeuten. Ohne Scheiß, ich würde dafür Geld ausgeben, wenn mir das im Supermarkt jemand mal vernünftig erklären könnte.

„Abendbrot bei Hans“

Aber zurück zu dem, der weiß, was er da verkauft. Ich darf bei Julian im Laden sagenhaft gutes Popcorn mit Butterkaramell und Tahiti-Vanille probieren, das als Wurst-Alternative für eine Vegetarierin bei der geführten Tour angeboten wird. Von nun an kann ich nie wieder Kino-Popcorn kaufen. Und auch der Ziegenkäse ist so gut, dass ich ein Stück mitnehmen muss. Ich hatte andere Ziegenkäse streng und „stallig“ in Erinnerung. Julian erklärt mir, dass das bei anderem Ziegenkäse oft an den Haltungsbedingungen liegt. Leiden die Tiere an Stress, wirkt sich das auch auf das Fleisch und die Milchqualität aus. Klingt logisch.

Wer wie ich jetzt gerne häufiger vom Hans hören will, sollte ihm bei Facebook folgen. Denn dort gibt es auch Hinweise auf Veranstaltungen wie „Abendbrot bei Hans“. An einem Abend werden Tische im kleinen Lädchen aufgebaut, es gibt leckere Speisen und Spirituosen zum Verkosten. Und ganz vielleicht gibt es den Hans bald nicht nur im Kaiserviertel in Dortmund. Ich würde das begrüßen, Bochum soll auch ganz nett sein, habe ich gehört…

 

 

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1 Comment

  • Reply Tine

    Schöner Artikel und aus irgendeinem Grund war ich noch nie im Hans drin… Aber dafür freue ich mich umso mehr auf denn 22.11 🙂 Da ändern wir das ja.

    5. November 2017 at 16:35
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