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Was ist Heimat? Und brauchen wir den Begriff heute noch?

Ist das heimat? Tippelsberg in Bochum

Neulich habe ich mich mit Nils von die Wiedertäufer über den Begriff Heimat unterhalten. Anlass war der erste Heimatkongress in Münster, über den er geschrieben hat und der im Nachhinein durch das Gastgeschenk Heinos an die Heimatministerin Scharrenbach medial ziemlich abging.

Mal ganz abgesehen davon, dass die Platte wohl ziemlich daneben ist, beschreibt Nils in seinem Artikel sehr gut, wie es beim Heimatkongress so ablief. Viele Menschen eher älteren Semesters beklatschen Sätze wie: „Ich bin froh, dass man das Wort Heimat wieder in den Mund nimmt.“ Aha, das klingt etwas gruselig.

Doch wer jetzt denkt, Heimat, das ist also etwas für eher so konservative Omas und Opas, die sich gerne Volkstanzgruppen anschauen und Wert auf Brauchtumspflege legen, der irrt meiner Meinung nach gewaltig. Klar, die Politik versucht aktuell sich die Deutungshoheit über den Begriff wieder von der AfD zurückzuholen, benennt Landes- und Bundesministerien danach und gibt in den nächsten Jahren Millionen aus. Doch wofür eigentlich genau? Gibt es eine klare Definition, was Heimat ist und was nicht?

Heimat ist …

Wikipedia definiert Heimat wie folgt: „Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden (…)“ Klare Sache, meine Heimat müsste dann irgendwo zwischen Paderborn und Bielefeld sein, denn dort bin ich geboren und aufgewachsen.

Doch wie immer ist es nicht ganz so leicht. Denn ich würde nie auf die Idee kommen, das als meine Heimat zu begreifen. Viel eher würde ich das Ruhrgebiet als meine Heimat nennen. Ich kann das auch familiär begründen, denn meine beiden Omas kommen aus Dortmund und Gelsenkirchen, was ja mal allerfeinstes Ruhrgebiet ist. Beide sind aufs Land gezogen und einige Jahrzehnte später bin ich dann dort geboren. Im Herzen also ein Pottgewächs.

Im Studium hätte ich als Heimat übrigens nicht mit dem Pott geantwortet, sondern NRW genannt. Denn ehrlicherweise fühle ich mich in Köln genauso wohl wie in Bochum. Ich bin auch mega gerne in Düsseldorf oder in Essen. Alles Städte, die zur Verwaltungseinheit NRW, dem Bindestrich-Land also gehören. Dabei sind Rheinländer und Westfalen doch komplett unterschiedliche Menschen, oder etwa nicht? Wie kann ich mich da nur in beiden Landesteilen heimisch fühlen?

Was ich mit meinen Ausführungen eigentlich nur sagen will, ich finde, die Definition greift zu kurz. Und wenn ich Freunde von mir frage, würden die Deutschland oder Europa als Heimat nennen. Für Herbert Grönemeyer ist Heimat bekanntlich ein Gefühl und für viele Linke laut Umfragen etwas total Negatives. Sie würden den Begriff am liebsten gar nicht benutzen.

Alles höchst subjektiv

Wenn jetzt aber Heimat etwas Subjektives ist, möchte man doch meinen, dass das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen wie es offiziell heißt, eine klare Definition hat, was denn Heimat bedeutet. Schließlich ist genau dieses Ministerium für den Heimatkongress verantwortlich. Ministerin Ina Scharrenbach hat ja sogar Heino zum Heimatbotschafter gemacht. Man darf sich das gerne auf der Zunge zergehen lassen. Heino. Wir alle können uns doch super mit ihm identifizieren. Oder wäre euch etwa jemand anderes eher in den Sinn gekommen bei der Besetzung dieses Postens?

Aber zurück zur Frage, was denn nun Heimat für das Ministerium ist. Denn, Überraschung, es gibt da keine klare Antwort. Konkret heißt es, man habe ganz bewusst auf eine Definition des Begriffs verzichtet: „Wer den Begriff festlegt, grenzt aus, nicht ein“, sagt Scharrenbach. Ich finde das insofern bemerkenswert, als das der Begriff ja Teil des Ministerium-Namens ist. Es beschäftigt sich also ein Heimatministerium mit dem nicht näher definierten Fachbereich Heimat.

Und ich, der nun auf der Suche nach einer Begriffsdefinition ist, grenzt damit also aus. Das finde ich nicht ganz nachvollziehbar. Na ja, immerhin weiß das Ministerium, wie viel Geld es für die Heimat ausgeben will: Bis zum Jahr 2021 sollen es 113 Millionen Euro sein. Die sollen, falls ich das jetzt richtig verstanden habe, über Heimat-Schecks, einen Heimat-Preis, eine Heimat-Werkstatt, einen Heimat-Fonds und ein Heimat-Zeugnis an die etwa 160.000 Mitglieder der rund 900 Heimatvereine fließen. Heimat scheint also eine Vereinssache zu sein. Finde ich auch etwas schräg. Ich selbst bin kein Mitglied irgendeines Vereins. Früher war ich mal im Tennisverein, aber das ist lange her.

Heimat bei Instagram

Schauen wir uns doch mal bei Instagram um. Das hat zwar nix mit dem zu tun, was das Heimatministerium machen will, aber auch dort spielt der Begriff Heimat ja durchaus eine Rolle. Zum Beispiel gibt es aktuell über eine Millionen Fotos, die mit Heimat verschlagwortet sind. #heimatliebe kommt noch auf mehr als 500.000 und wenn ihr #heimatlieberuhrpott eingebt, werden euch mehr als 7.000 Fotos angezeigt. Heimatvereine scheinen Instagram noch nicht für sich entdeckt zu haben, hier gibt es lediglich rund 1.600 Beiträge.

Warum präsentiere ich euch jetzt so random diese Zahlen? Zum einen, weil ich glaube, dass Heimat grundsätzlich nichts ist, was ein Ministerium verschreiben kann. Zum anderen aber durchaus auch ein Thema sein kann, das viele Menschen beschäftigt – und was auch aktuell ist.

Noch mehr Zahlen zur Heimat

Auch bei Google Trends spielt der Suchbegriff Heimat eine Rolle. Im letzten Jahr weist der Begriff durchweg hohe Suchvolumina auf. In den letzten drei Monaten erreicht er sogar an vielen Tagen den Höchstscore, den Google vergibt. Auffällig hier: In Bayern, Schleswig-Holstein und Brandenburg sucht man viel häufiger nach der Heimat als in Hessen, im Saarland oder in Bremen.

Verwandte Themen sind laut Google nicht nur Heino und das NRW-Heimatminsterium, sondern auch Johannes Oerding, Adel Tawil, Moses Pelham und die Hanf-Pflanze. Fragt mich nicht, was das zu bedeuten hat. Die Heimat singt aber anscheinend deutsche Lieder.

Kann man sich seine Heimat eigentlich aussuchen?

Ich lese gerne Blogs. Zum Beispiel auch den von Danny Giessner, der das Ruhrgebiet als seine Wahlheimat beschreibt. Tine von pottlecker.de kommt aus dem Sauerland. Sie sagt über das Ruhrgebiet, dass hier ihr Heimatgefühl mit den Jahren stärker wird. Und zwar nicht zum Sauerland, sondern zur Region zwischen Dortmund und Duisburg.

Nur drei Beispiele von Leuten, die Heimat als etwas ansehen, was auf der Gefühlsebene abläuft und etwas sein kann, das nicht identisch ist mit dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Und sowohl Danny als auch Tine oder ich würden sicherlich behaupten, dass das Thema Aktualität hat ohne auf Heino oder einen Heimatverein zurückgreifen zu müssen. Und ganz sicherlich auch nicht auf die Meinung der AfD.

Brauchen wir die Diskussion um diesen uralten Begriff also? Ich glaube schon. Ich finde sie nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen. Ob es allerdings ein Heimatministerium richten kann, wage ich arg zu bezweifeln. Egal, ob das nun von Horst Seehofer im Bund geführt wird, oder von Ina Scharrenbach in NRW. Ich habe aber auch keine tolle Alternative zum Heimatkongress zu bieten. Grundsätzlich finde ich es nämlich ziemlich gut, wenn Menschen sich ehrenamtlich engagieren, für ein Hobby brennen und sich in ihrer Freizeit für etwas begeistern. Nur, weil ich jetzt Schützenfeste und Folklore doof finde, sind die Leute, die das toll finden ja nicht alle automatisch doof oder von gestern.

Und was haltet ihr so von der ganzen Diskussion? Überflüssig oder zeitgemäß?

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1 Comment

  • Reply Amely

    Hallo Julius, jetzt muss ich hier gleich nochmal schreiben, denn ich finde es schade, wenn es zu so einem interessanten Beitrag keine Kommentare gibt! Wenn du mich fragst, was Heimat für mich bedeutet, sage ich: die Welt, Europa, Deutschland, die Pfalz und das Schwabenland, unser Garten. Andersrum wäre es auch ok:)
    Ich glaube, dass man das Heimatgefühl vielleicht erst richtig spürt, wenn man die Heimat vermisst. Wenn man so richtig lost in Translation ist, wird wieder klar, wieviel so eine kulturelle Identität oder auch Heimat bedeutet. Aber durch die Digitalisierung ist man ja fast immer mit den Menschen zuhause verbunden, sodass dieses Gefühl der Entwurzelung gar nicht mehr präsent ist. Vielleicht.
    Auf jeden Fall glaube ich schon, dass die Diskussion um den Begriff geführt werden sollte, und dass Heimat durchaus auch positiv besetzt sein darf, auch außerhalb von Volksmusik, Bierzelten und Dirndln.
    Liebe Grüße!
    Amely

    17. April 2018 at 20:29
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