
Die kanadische Serie Heated Rivalry um zwei queere Eishockeyspieler flutet seit Wochen meinen Feed. Viele sind obsessed von der Love Story zwischen Shane Hollander und Ilya Rozanov und schauen die sechs Folgen in Dauerschleife. Zurecht, wie ich finde. Ein Text darüber, warum diese Serie gerade in Zeiten politischer Rückschritte so wirksam ist und weshalb handwerkliche Präzision hier mehr leistet als jede gut gemeinte Botschaft.
Wir hatten Queer as Folk, waren mit Ennis Del Mar auf dem Brokeback Mountain und sehen heute queere Richkids in Élite. Und trotzdem wirkt es, als hätten wir Heated Rivalry gerade jetzt mehr gebraucht als all das zuvor.
Das klingt erst einmal widersprüchlich. Queere Geschichten sind im Mainstream angekommen, zumindest auf dem Papier. Sie laufen zur besten Sendezeit, auf großen Plattformen, mit hohem Produktionswert. Und doch fühlt sich Heated Rivalry anders an. Ein Erklärungsversuch.
Inhalt
Sichtbarkeit ist kein Fortschrittsversprechen
Zunächst einmal sei gesagt: Die Annahme, queere Repräsentation sei ein linearer Fortschritt, ist bequem. Sie stimmt nur leider nicht.
Weltweit werden seit Jahren wieder gezielt Rechte von LGBTQ+-Personen eingeschränkt. In den USA wurden allein 2023 über 500 Gesetzesinitiativen eingebracht, die sich explizit gegen queere Menschen richten. In Europa steigt die Zahl queerfeindlicher Straftaten. Und auch in Deutschland steigt queerfeindliche Hasskriminalität deutlich. Das BKA weist für 2024 u. a. 1.765 Straftaten wegen ‚sexueller Orientierung‘ (+17,75 %) und 1.152 wegen ‚geschlechtsbezogener Diversität‘ (+34,89 %) aus.
Parallel dazu bleibt die mediale Realität ernüchternd. GLAAD kommt für 2023–2024 im US-Broadcast-Primetime-Bereich auf 8,6 % LGBTQ-Serienregulars. Das entspricht in etwa dem Anteil von Menschen, die sich in westlichen Gesellschaften als LGBTQ+ identifizieren. Dieser scheinbare Gleichstand täuscht jedoch. Denn die Sichtbarkeit konzentriert sich auf wenige Plattformen und Formate, oft auf Nebenrollen mit begrenzter erzählerischer Freiheit. Trans*, ältere oder nicht-weiße queere Figuren bleiben stark unterrepräsentiert. Repräsentation existiert, erreicht aber selten den Kern des Mainstreams.
Warum das gerade jetzt wirkt
In Zeiten politischer Rückschritte wird Normalität zur Gegenposition. Studien wie die Trevor-Projekt-Daten zeigen, dass positive queere Repräsentation messbare Effekte hat. LGBTQ-Jugendliche, die mindestens eine akzeptierende erwachsene Person haben, berichten rund 40 % seltener von Suizidversuchen. Positive Repräsentation kann zusätzlich Isolation reduzieren, aber sie ersetzt keine realen Schutzfaktoren.
Heated Rivalry erzählt keine „wichtige queere Geschichte“. Sie bietet keine Erklärung für Homophobie, keinen Bildungsauftrag, keine Einladung zum besseren Verständnis. Sie setzt queeres Begehren schlicht voraus und ist gerade am Anfang treibende Kraft der Handlung.
Sex ist hier nicht Beiwerk, sondern Beziehungssprache. Macht, Kontrolle, Verletzlichkeit und Nähe werden über Körper verhandelt, nicht über Diskurse. Das ist kein Zufall, sondern eine bewusste ästhetische Entscheidung. Ich habe da neulich noch mit einer heterosexuellen Freundin zu gesprochen, weil es mir gar nicht so klar war, aber das der Sex hier am Anfang steht (wie oft bei queeren Begegnungen im echten Leben) und die Liebe folgt, ist keine gängige Erzählung.
Kulturpolitisch ist das heikel. Denn genau hier beginnt das Unbehagen vieler Kritiken: Darf queere Intimität so explizit, so wenig entschuldigend, so wenig vorbildhaft erzählt werden? Die implizite Erwartung lautet oft noch immer: Queere Figuren sollen etwas leisten. Aufklären. Versöhnen. Repräsentieren. Heated Rivalry verweigert diesen Vertrag komplett.

Normalisierung durch Zumutung
Zwei Männer in einem hochmaskulinen Profisportumfeld, deren Beziehung nicht primär als gesellschaftliches Problem inszeniert wird, sondern als persönliche, widersprüchliche, manchmal destruktive Bindung. Das ist kein Rückschritt.
Während frühere queere Serien Sichtbarkeit erkämpfen mussten, testet Heated Rivalry eine andere Frage: Was passiert, wenn queere Figuren nicht mehr um Legitimation bitten, sondern sich narrative Freiheiten nehmen, die lange heterosexuellen Geschichten vorbehalten waren?
Der unbequeme Einwand
Natürlich lässt sich kritisieren, dass die Serie problematische Männlichkeitsbilder reproduziert oder Machtasymmetrien erotisiert. Diese Kritik ist legitim. Aber sie ist kein Gegenargument, sondern Teil derselben Verschiebung.
Denn erst wenn queere Figuren das Recht haben, ambivalent, moralisch fragwürdig oder unbequem zu sein, verlassen sie die Rolle der bloßen Repräsentationsfläche.
Handwerklich gut gemacht
Während die meisten Kritiken das Offensichtliche ansprechen: die vielen Sexszenen und den Erfolg der Serie, wird mir persönlich die handwerkliche Qualität zu wenig thematisiert. Heated Rivalry ist extrem dicht erzählt. Jede Szene erfüllt eine Funktion, kaum ein Dialog ist bloß Übergang. Die Serie fordert volle Aufmerksamkeit, was die Zuschauer:innen durch den Konsum von Netflix-Produktionen gar nicht mehr gewohnt sind.
Dass das mit einem überschaubaren Budget gelingt, ist kein Zufall, sondern Ergebnis klarer Entscheidungen. Konzentration auf Figuren, auf Rhythmus, auf Montage statt auf Schauwerte. Das Niveau, auf dem hier gearbeitet wird, steht in keinem Verhältnis zu den verfügbaren Mitteln, und genau das macht die Serie für mich so überzeugend.
Auch die Zeitsprünge erweisen sich nicht als Selbstzweck. Sie sind filmisch motiviert und sind nötig, um die extrem langsame, aber dadurch umso glaubhaftere Entwicklung der Charaktere zu zeigen. Was auf den ersten Blick fragmentarisch wirkt, fügt sich konsequent zusammen.
Hinzu kommt eine auffällige Liebe zum Detail. Die Serie arbeitet mit wiederkehrenden Motiven, Blickachsen, Spiegelungen, kleinen Gesten. Es gibt zahlreiche Easter Eggs, die erst beim zweiten oder dritten Sehen ihre Wirkung entfalten. Besonders hervorzuheben ist die Parallelmontage in der Clubszene am Ende der Folge 4, in der Nähe und Distanz, Begehren und Verdrängung gleichzeitig erzählt werden. Das ist präzise, kontrolliert, filmisch auf hohem Niveau.

Die brillante Clubszene
Gehen wir in die Sequenz mal näher rein: Die Montage erreicht ihren Höhepunkt, als sich die Erzählung bewusst aufspaltet: Shane schläft mit Rose, während Ilya den Club allein verlässt, nach Hause geht und sich in seiner Dusche selbstbefriedigt.
Entscheidend ist dabei die Auflösung der Montage. Die letzten Einstellungen sind Großaufnahmen der Gesichter von Shane und Ilya, parallel montiert, beide frontal zur Kamera. Diese Blickachsen durchbrechen den geschlossenen Raum der jeweiligen Situation. Die Figuren sehen einander und sehen gleichzeitig auch die Zuschauenden direkt in die Augen. Es folgen zwei extrem kurze Einstellungen ihrer Gesichter, bevor das Bild auf schwarz geblendet wird und nur die Tonspur noch für zwei Sekunden bei Shane bleibt. Für einen kurzen Moment werden die Figuren durch die Montage miteinander verbunden, trotz räumlicher und emotionaler Trennung.
Frauen in Heated Rivalry
Bemerkenswert ist auch die Darstellung von Frauen in Heated Rivalry. Sie sind keine Staffage, keine bloßen Vertrauten oder moralischen Korrektive. Sie haben eigene Perspektiven, eigene Interessen, eigene Grenzen und sind 100 Prozent supportive. Vor allem aber werden sie nicht funktionalisiert, um die männliche Beziehung zu erklären oder abzusichern. Das wirkt selbstverständlich und ist es doch nicht.
All das trägt zu einem seltenen Eindruck bei: Diese Serie ist in sich stimmig. Inhalt, Form, Rhythmus und Figuren greifen ineinander. Nichts wirkt beliebig, nichts anbiedernd, nichts erklärend. Jacob Tierney weiß sehr genau, was er erzählen will, und tut genau das. Er ist Schöpfer, Drehbuchautor und Regisseur der ersten Staffel und hat großartige Arbeit abgeliefert.
Erfolg außerhalb der Bubble
Heated Rivalry ist nicht nur ein Thema in queeren Communities. Die Serie hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem weltweiten Streaming-Phänomen entwickelt: Innerhalb der ersten sieben Tage nach Start stieg die Nutzung bei Crave um nahezu 400 Prozent und machte sie zur erfolgreichsten originären Serie in der Geschichte der Plattform. Gleichzeitig zählt die Serie zu den Top-5-Scripted-Debüts 2025 bei HBO Max und erreichte global bis zu 95-mal die durchschnittliche Nachfrage, gemessen an internationalen Streaming-Daten – ein Wert, der für eine kanadische Produktion außergewöhnlich ist.
Internationale Chartplatzierungen, hohe Engagement-Scores in mehreren Ländern und massive Social-Media-Konversationen zeigen, dass Heated Rivalry nicht in einer queeren Bubble bleibt, sondern über Genre- und Identitätsgruppen hinaus wirkt. Sie wird nicht nur von Menschen gesehen, die sich ohnehin mit LGBTQ+-Themen identifizieren, sondern von einem Publikum, das in vielen Fällen zuvor gar nicht für queere Inhalte sensibilisiert war.

Fazit: Heated Rivalry macht queere Liebe marktfähig
Das ist aus kulturpolitischer Sicht wichtig: Sichtbarkeit alleine ist kein Garant für gesellschaftliche Akzeptanz. Aber wenn ein queerer Stoff kommerzielle Relevanz über Nischen hinaus erzeugt, dann verschiebt das die Rahmenbedingungen für nächste Serien, Filme und für die Branche als Ganzes. Heated Rivalry könnte ein Beweis dafür werden, dass queere Geschichten nicht nur zulässig, sondern marktfähig und publikumsstark sind. Und das in einer Zeit, die weltweit mit einem Backlash einhergeht.

PS: Heated Rivalry basiert auf dem gleichnamigen Roman von Rachel Reid, ist Teil ihrer Game Changers-Buchreihe und wurde als sechsteilige Serie von Accent Aigu Entertainment unter der Leitung von Jacob Tierney produziert; gedreht wurde im Sommer 2025, die erste Staffel startete im November 2025 auf Crave und HBO Max. In Deutschland ist sie ab dem 6. Februar 2026 bei HBO Max verfügbar.



