
„Im Wasser sind wir schwerelos“ klingt nach Sommer, Haut und erster Liebe, trägt aber von Anfang an den Schmerz des Verlusts in sich. Tomasz Jedrowski erzählt von zwei Männern, die sich im Polen der frühen 1980er-Jahre ineinander verlieben und schnell merken, dass ihre Liebe nur dort frei sein kann, wo niemand sie sieht. Eine Kritik über einen Roman, der an „Call Me By Your Name“ und „Brokeback Mountain“ erinnert, aber weniger vom großen Drama lebt als von der leisen Trauer danach.
Inhalt
Warum ich das Buch noch einmal gelesen habe
Wie oft lest ihr Bücher, die euch gefallen? Ich bin ja eigentlich nicht so der Typ, der Bücher ein zweites Mal in die Hand nimmt. Bei „Im Wasser sind wir schwerelos“ von Tomasz Jedrowski mache ich eine Ausnahme. Ich hatte den Roman schon einmal gelesen, als er auf Deutsch erschien. Damals hat mich vor allem die queere Liebesgeschichte berührt. Diese heimliche, körperliche, vorsichtige Annäherung zweier Männer in einem Polen, das für ihre Liebe keinen Platz vorsah. Jetzt habe ich das Buch noch einmal gelesen, nach meinem ersten eigenen Polen-Besuch in Danzig. Trotzdem ist „Im Wasser sind wir schwerelos“ für mich weniger ein politischer Roman als ein melancholischer Erinnerungsroman über eine Liebe, die nur für einen Sommer frei sein durfte.
Die Geschichte von Ludwik und Janusz
Im Zentrum stehen Ludwik und Janusz, zwei junge Männer im Polen der frühen 1980er-Jahre. Sie begegnen sich nach dem Studium während eines staatlich organisierten Arbeitseinsatzes. Erst gibt es Blicke und ein vorsichtiges Abtasten. Dann entsteht Nähe über ein Buch. Ludwik liest James Baldwins „Giovannis Zimmer“. Ein Klassiker über Begehren, Scham und unmögliche Liebe zwischen Männern. Das Buch wird zu einem heimlichen Erkennungszeichen. Wer so ein Buch liest, verrät, dass er gay ist.
Der abgelegene See als Zufluchtsort
Nach dem Arbeitseinsatz reisen Ludwik und Janusz gemeinsam weiter. Sie verbringen Zeit an einem abgelegenen See, schwimmen, schlafen miteinander, lesen, reden, liegen nebeneinander. Das sind die stärksten Passagen des Romans. Jedrowski schreibt hier mit einer Sinnlichkeit, die ich absolut faszinierend finde. Wasser, Haut, Licht, Hitze, Wald, Körper. Für einen kurzen Moment scheint alles möglich. Die beiden sind nicht mehr in Warschau, nicht mehr unter Beobachtung, nicht mehr Teil eines Systems, das sie einordnet, kontrolliert und zum Schweigen zwingt. Im Wasser sind sie tatsächlich schwerelos.
Erinnerungen an „Call Me By Your Name“ und „Brokeback Mountain“
Natürlich erinnert das an „Call Me By Your Name“. Dieser Sommer, diese langsame körperliche Annäherung, das Gefühl, dass eine ganze Liebe in eine sehr kurze Zeit gepresst wird. Und ja, auch an „Brokeback Mountain“ musste ich denken: zwei Männer an einem abgelegenen Ort, eine Liebe, die nur fern der Gesellschaft wirklich existieren kann, und danach die Rückkehr in eine Welt, die diese Liebe nicht duldet. Solche Vergleiche liegen nah. Sie sind auch nicht falsch. Aber sie greifen nur bis zu einem Punkt.

Wenn Liebe nicht genügt
Denn bei Jedrowski ist der Gegner nicht nur die Gesellschaft, nicht nur Homophobie oder die Angst vor Entdeckung. Es ist auch die Frage, wie man in einem politischen System überlebt, ohne sich selbst zu verlieren.
Ludwik und Janusz lieben sich, aber sie wollen nicht dasselbe Leben. Sie werden sehr unterschiedlich gezeichnet. Ludwik will raus aus Polen. Er will Freiheit, auch wenn diese Freiheit Verlust bedeutet. Janusz bleibt. Oder genauer: Er entscheidet sich für ein Leben, das ihm Schutz, Aufstieg und Zugehörigkeit verspricht. Er arrangiert sich mit dem System. Er nähert sich Hania an, einer Frau, mit der ein gesellschaftlich akzeptiertes Leben möglich scheint. Für Ludwik ist das Verrat. Für Janusz ist es seine Strategie, zu überleben.
Das ist der Punkt, an dem der Roman interessant wird. Denn Janusz ist nicht einfach der Feigling und Ludwik nicht einfach der Mutige. So leicht macht es einem das Buch nicht ganz. Das liegt vor allem daran, dass Ludwik rückblickend erzählt und das Ende stets schon im Kopf hat. Janusz bleibt dadurch immer auch eine Figur in Ludwiks Erinnerung. Vielleicht sieht er ihn deshalb auch durch den Schmerz eines Menschen, der verlassen wurde.
Gerade diese Ambivalenz macht den Roman stark. Janusz entscheidet sich gegen ein Leben mit Ludwik, weil dieses Leben zu viel kosten würde. Das ist bitterer als Gleichgültigkeit. Es ist eine Form von Liebe, die an den Bedingungen der Realität scheitert.
Politik als Hintergrunddruck
Die politische Ebene des Romans ist wichtig, aber sie bleibt für mich eher Hintergrunddruck als eigentlicher Mittelpunkt. Polen um 1980, die Spannungen, die Kontrolle, der Opportunismus, die Nähe zu Partei und Macht, das alles ist da. Aber wer einen harten, analytischen Roman über den spätkommunistischen Staat erwartet, wird vielleicht etwas vermissen. Jedrowski interessiert sich weniger für politische Mechanik als für ihre Wirkung auf intime Beziehungen. Er zeigt, was das System mit Menschen macht, die heimlich lieben müssen.
Ich hatte in mehreren Rezensionen gelesen, das die politische Wirklichkeit manchmal weich gezeichnet bleibt und das der Roman stärker ist, wenn er Körper, Erinnerung und Verlust beschreibt, als wenn er die historischen Verhältnisse ausleuchtet. Aber ich bin nicht sicher, ob das wirklich eine Schwäche ist. Denn Ludwik erzählt ja nicht als Historiker. Er erzählt als jemand, der sich an eine Liebe erinnert. Und Erinnerungen sind selten sauber sortiert. Sie hängen an Gerüchen, Blicken, Sätzen, Landschaften. An einem See. An einem Buch. An dem Moment, in dem jemand hätte bleiben können und es nicht getan hat.
Die Melancholie, die bleibt
Mich hat vor allem diese Melancholie getroffen. Das Wissen, dass es im Leben Begegnungen gibt, die einen nicht unbedingt retten, aber dauerhaft verändern. Ludwik verliert Janusz. Er verlässt Polen. Er überlebt, aber nicht unbeschadet. Janusz bleibt, aber auch das wirkt nicht wie ein Sieg. Am Ende stehen zwei Männer, die unterschiedliche Wege gewählt haben und beide etwas zurücklassen mussten. Ich finde diese Geschichte sehr traurig.
Warum der Titel so gut passt
Der Titel ist deshalb so treffend. „Im Wasser sind wir schwerelos“ klingt zunächst fast zärtlich, beinahe schön. Nach Sommer, Körpern, Nähe und einem kurzen Moment, in dem die Welt stillsteht. Aber je länger man darüber nachdenkt, desto trauriger wird er.
Denn der See, der dem Roman seinen Titel gibt, nimmt im Buch eigentlich nur einen relativ kurzen Abschnitt ein. Ludwik und Janusz verbringen dort nicht ihr ganzes Leben, nicht einmal besonders viel Zeit. Und trotzdem wirkt dieser Ort nach, als wäre er das emotionale Zentrum der ganzen Geschichte. Der See ist kein dauerhafter Zufluchtsort, sondern eine Ausnahme. Ein kurzer Zustand, in dem die beiden für einen Moment so leben können, wie sie es eigentlich wollen.
Im Wasser sind sie tatsächlich schwerelos. Der Körper wird leicht, die Welt verschwindet für Sekunden, alles Bedrohliche rückt an den Rand. Aber Schwerelosigkeit ist kein Zustand, in dem man bleiben kann. Man kann ihn nur kurz erleben. Irgendwann muss man wieder auftauchen. Und an Land wartet das wahre Leben.
Gerade weil der See nur ein kurzer Abschnitt im Roman ist, funktioniert der Titel so gut. Er beschreibt nicht den ganzen Plot, sondern den einen Moment, an dem alles hängt. Diese kurze Zeit, in der Ludwik und Janusz frei wirken, bevor die Realität wieder Besitz von ihnen ergreift. Der Titel erzählt damit eigentlich schon die ganze Tragik des Romans: Für einen Sommer konnten sie schwerelos sein. Leben mussten sie danach wieder an Land.
Ein Roman über Erinnerung
Dass mich der Roman beim zweiten Lesen noch einmal stärker gepackt hat, liegt auch daran, dass ich ihn weniger als reine Liebesgeschichte gelesen habe. Beim ersten Mal war da vor allem die queere Sehnsucht. Dieses Gefühl, dass zwei Männer sich finden und zugleich wissen, dass ihre Liebe keinen Schutzraum hat. Beim zweiten Mal habe ich stärker gesehen, wie sehr der Roman von Erinnerung handelt. Von der Frage, was man aus der Vergangenheit macht, wenn sie nicht abgeschlossen ist. Ob man sie verklärt. Ob man sie versteht. Oder ob man einfach nur immer wieder zu ihr zurückkehrt, weil man nicht loslassen kann.
Ganz frei von bekannten Mustern ist das Buch nicht. Die heimliche Männerliebe, der Sommer als Ausnahmezustand, die Frau als gesellschaftliche Fassade, das Exil, der verlorene Geliebte: Das alles kennt man aus queerer Literatur und Filmgeschichte nur zu gut. Aber Jedrowski erzählt es so konzentriert und atmosphärisch, dass es trotzdem funktioniert. Und dieses Gefühl bleibt.
Mein Fazit
„Im Wasser sind wir schwerelos“ ist ein Roman, der von einer Liebe erzählt, die echt war, aber nicht stark genug gegen die Welt, in der sie hätte bestehen müssen. Oder vielleicht ist das zu hart formuliert. Vielleicht war die Liebe stark genug. Nur die Menschen waren es nicht. Für mich ist das Buch eine klare Empfehlung. Er ist schön, traurig, sinnlich und nachhallend.
Bewertung: 4,5 von 5 Sternen
Fakten zum Buch

Titel: Im Wasser sind wir schwerelos
Autor: Tomasz Jedrowski
Originaltitel: Swimming in the Dark
Übersetzung: Brigitte Jakobeit
Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum: 2. März 2021
Umfang: 224 Seiten
ISBN: 978-3-455-01117-3
Preis: 23,00 Euro
Tomasz Jedrowski wurde 1985 in Westdeutschland geboren und hat polnische Wurzeln. Er studierte unter anderem Jura in Cambridge und lebt heute in Paris. „Im Wasser sind wir schwerelos“ ist sein Debütroman. Das Buch erschien zunächst auf Englisch unter dem Titel „Swimming in the Dark“. Tomasz Jedrowski hat bislang keinen weiteren Roman veröffentlicht. Nach Angaben seiner Literaturagentur arbeitet er an einem zweiten Roman. 2025 schrieb er außerdem eine Kurzgeschichte für die Hinge-Kampagne „No Ordinary Love“.
Mehr Filmkritiken, Serienempfehlungen und Kulturtipps findet ihr in meiner Rubrik Kino und Kultur.

PS: Ein ausführliches Video-Interview mit dem Autor gibt es im Service95 Book Club: Dort spricht Jedrowski mit Dua Lipa über queere Liebe, kommunistisches Polen, Herkunft, Schreiben und die Frage, wie politische und private Geschichte ineinandergreifen.

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