Nicht nur eine Gay Love Story: Was die Serie „Heated Rivalry“ bei den Frauenfiguren ungewöhnlich richtig macht

Heated Rivalry – (L to R) Connor Storrie as Ilya Rozanov and Hudson Williams as Shane Hollander in Episode 106 of Heated Rivalry. Cr. Sabrina Lantos © 2025

Leute, alle reden über Heated Rivalry und ich muss gestehen: Ich bin auch obsessed. Die Geschichte der zwei queeren Eishockeyspieler, Shane Hollander und Ilya Rozanov, aus der Game-Changers-Reihe von Rachel Reid ist eine der besten Lovestorys, die ich je als Serie gesehen habe. Doch nicht nur, weil die Hauptdarsteller Connor Storrie und Hudson Williams mega gut (und sexy) sind, sondern wegen so vieler Dinge. Die Dynamik, die Dialoge, der Schnitt, die Lichtsetzung, die Easter Eggs … Es gibt sehr vieles, was einem an dieser Geschichte Freude macht. Doch warum reden wir eigentlich so wenig über die Frauenrollen in Heated Rivalry?

Stopp, Stopp, Stopp, bevor ihr euch jetzt denkt, was will der Weirdo, das ist ja wohl offensichtlich, denn es geht ja schließlich um eine Gay-Man-Love-Story, lasst es mich anhand von zwei Figuren aus der Serie erklären. Wenn ihr die Serie noch nicht gesehen habt, hier ein deutlicher Spoiler-Alert!

Heated Rivalry – Ksenia Daniela Kharlamova as Svetlana in Episode 102 of Heated Rivalry. Cr. Sabrina Lantos © 2025

Svetlana Vetrova: Die Freundin, die nicht geopfert wird

In vielen Liebesgeschichten mit queeren Protagonisten taucht eine bekannte Figur auf: die Frau, die emotional alles versteht, alles trägt und am Ende doch zurückbleibt. Heated Rivalry entscheidet sich bewusst gegen dieses Muster. Die Figur Svetlana Vetrova ist der Beweis dafür. Sie ist weder Tarnung noch Opfer, weder Konkurrenz noch sentimentaler Ballast. Sie ist eine Frau mit Würde, eigener Agenda und klarer Position im Beziehungsgefüge.

Svetlana ist keine Funktion, sondern eine Person

Svetlana wird nicht eingeführt, um ein Problem der männlichen Hauptfiguren zu lösen. Sie existiert nicht, um ihren Freund Ilya emotional zu stabilisieren oder gesellschaftlich abzusichern. Ihre Nähe zu ihm ist freiwillig, bewusst und begrenzt. Sie weiß, wo sie steht, und genau das macht den Unterschied.

Damit durchbricht die Serie ein verbreitetes Narrativ: Frauen müssen hier nicht die emotionale Infrastruktur für Männer bereitstellen. Svetlana ist anwesend, aber nicht zuständig. Sie ist Freundin, gelegentlich Partnerin, aber nie Reparaturbetrieb.

Keine Rivalin, keine Verliererin

Besonders auffällig ist, dass Svetlana nicht in Konkurrenz zur Liebesgeschichte zwischen Shane und Ilya gestellt wird. In klassischen Erzählmustern würde sie zur Gegenspielerin oder zum Opfer gemacht werden. Beides passiert hier nicht.

Die Serie vermeidet das Dreiecksdrama. Stattdessen entsteht ein Beziehungsgeflecht ohne Hierarchie. Die Liebe zwischen Shane und Ilya steht im Zentrum, ohne dass Svetlana dafür entwertet werden muss. Svetlana verliert nichts, nur weil sie nicht die große Liebe ist.

In der entscheidenden Szene in Folge 5 der ersten Staffel sagt Ilya zu ihr aus einem Schuldgefühl heraus:

“I don’t deserve you.” Er weiß also, dass er ihr nicht geben kann, was sie verdient.

Svetlana antwortet ruhig und ohne Vorwurf: “Yes, you do. But you don’t want me.” Sie benennt die Wahrheit, ohne sie auszuschlachten.

Als Ilya sagt: “You know, I love you.” antwortet sie: “I know you do. But it’s not the same as it is with Jane, is it?”

Und dann kommen die Sätze, die ihre Rolle endgültig definieren: “I love you too. And whatever you need, I’ll be there. I’m not going anywhere. I just hope Jane knows how lucky he is.”

In einem Raum voller unausgesprochener Dinge spricht sie das Unaussprechliche aus. Sie weiß, dass Jane ein Mann ist. Sie weiß, dass Ilya ihn liebt. Und sie stellt sich nicht dazwischen.

Dann küsst sie ihn. Und geht. Dass sie geht, während er bleibt, ist kein Zeichen von Unterlegenheit. Es ist ein Zeichen von Souveränität. Sie nimmt sich selbst aus der Situation.

Heated Rivalry – (L to R) Connor Storrie as Ilya Rozanov and Ksenia Daniela Kharlamova as Svetlana in Episode 104 of Heated Rivalry. Cr. Sabrina Lantos © 2025

Autonomie statt Aufopferung

Svetlana hat ein eigenes Leben, eigene Ziele, eigene Grenzen. Sie wird nicht als Frau gezeichnet, die auf jemanden wartet, sondern als jemand, der entscheidet, was Nähe für sie bedeutet und was nicht. Beiläufig wird erwähnt, dass sie sich super gut mit Hockey auskennt und ihr Geld damit verdient, Luxusautos zu verkaufen.

Gerade im Umfeld von Profisport, wo Frauenfiguren oft auf Rollen wie Freundin, Groupie oder Stabilisatorin reduziert werden, ist das bemerkenswert. Svetlana ist keine Projektionsfläche männlicher Bedürfnisse. Sie ist Subjekt.

Diese Autonomie schützt nicht nur sie selbst, sondern auch die zentrale Liebesgeschichte. Denn weil sie nicht instrumentalisiert wird, bleibt die Beziehung zwischen Shane und Ilya frei von Schuldnarrativen. Niemand muss verletzt werden, damit diese Liebe existieren darf.

Gerade für weibliche Zuschauerinnen entsteht dadurch ein besonderer Effekt. Man muss sich nicht mit Svetlana messen, nicht mit ihr konkurrieren, nicht in ihre Rolle schlüpfen, um mitzuleiden. Sie ist keine Figur, die zur Identifikation durch Schmerz zwingt.

In der Summe steht Svetlana für ein Gegenmodell zu zwei verbreiteten Stereotypen:

Erstens zum Bild der Frau als emotionaler Dienstleisterin. Zweitens zum Bild der Frau als Hindernis auf dem Weg zur „wahren Liebe“. Sie ist weder das eine noch das andere. Sie ist Begleiterin ohne Besitzanspruch, Freundin ohne Selbstverlust, Nähe ohne Abhängigkeit.

Heated Rivalry – (L to R) Sophie Nélisse as Rose Landry and Hudson Williams as Shane Hollander in Episode 104 of Heated Rivalry. Cr. Sabrina Lantos © 2025

Die Schauspielerin an Shanes Seite: Mehr als nur die „öffentliche Freundin“

In Heated Rivalry gibt es eine weitere weibliche Figur, die in der Wahrnehmung vieler Zuschauer:innen schnell zur Randnotiz wird: die Schauspielerin, mit der Shane eine Zeit lang zusammen ist: Rose Landry. Sie ist schön, präsent, medientauglich. Auf den ersten Blick scheint ihre Rolle klar: heteronormative Fassade, dramaturgische Zwischenstation auf dem Weg zum eigentlichen Liebes-Happy-End zwischen Shane und Ilya.

Doch diese Lesart greift zu kurz.

Ihre Funktion ist nicht Täuschung, sondern Spiegel

Die Serie macht aus ihr keine naive Frau, die blind in eine Lüge läuft. Sie ist vielmehr eine Figur, die zeigt, wie sehr Shane selbst noch in einem System gefangen ist, das Ehrlichkeit bestraft und Anpassung belohnt.

Sie ist nicht das Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit. Sie ist der Beweis, wie stark der Druck ist, eine Wahrheit zu verstecken. Damit verschiebt sich die moralische Achse. Nicht sie wird zur Leidtragenden, sondern Shane muss sich fragen, warum er sich in eine Situation begibt, in der jemand anderes zwangsläufig nur eine Rolle spielen kann.

Keine Opferinszenierung, kein Schuldnarrativ

Bemerkenswert ist, wie die Serie mit ihr umgeht, als klar wird, dass diese Beziehung nicht das Zentrum von Shanes Leben ist. Es gibt kein großes Melodram, keine Demütigung und keine öffentliche Bloßstellung.

Die Serie verweigert das klassische Bild der betrogenen Frau, die für die Selbstfindung eines Mannes emotional geopfert wird. Stattdessen bleibt sie würdig, auch im Moment des Abschieds.

Das ist entscheidend: Die Liebesgeschichte zwischen Shane und Ilya wird nicht auf dem Rücken einer Frau erzählt.

Eigenständigkeit statt Projektionsfläche

Dass sie Schauspielerin ist, ist kein Zufall. Die Serie wählt bewusst einen Beruf, der mit Rollen, Öffentlichkeit und Inszenierung zu tun hat. Damit entsteht eine Parallele: Sie spielt Rollen beruflich. Shane spielt eine Rolle privat. Beide bewegen sich in Welten, in denen Authentizität riskant ist. Diese Parallele verleiht der Figur Tiefe, auch wenn sie nur wenige Szenen hat.

Sie ist nicht nur „die Freundin“, sondern jemand, der selbst mit Erwartungsdruck lebt. Dadurch wird sie zur Gleichgestellten in einem System, das Menschen in Bilder zwingt.

Wirkung auf weibliche Zuschauer:innen

Gerade für Frauen im Publikum hat diese Figur eine entlastende Wirkung. Sie ist attraktiv, erfolgreich, präsent, aber sie wird nicht als Maßstab gesetzt. Man soll sich nicht fragen: Bin ich so schön? So begehrenswert? So erfolgreich?

Viel eher fragt man sich: Wie geht ein Mensch damit um, in einer Rolle zu stecken, die ihm nicht gehört? Das ist ein Perspektivwechsel. Weg vom Vergleich. Hin zur Empathie.

Heated Rivalry – Sophie Nélisse as Rose Landry in Episode 105 of Heated Rivalry. Cr. Sabrina Lantos © 2025

Die Trennungsszene mit Rose: Würde statt Drama

Die Szene im Restaurant, in der Rose und Shane sich trennen, gehört zu den stillsten und zugleich stärksten Momenten von Heated Rivalry. Hier wird ganz bewusst kein großes Drama inszeniert, sondern die Serie wagt etwas, das selten ist: Sie zeigt eine Trennung ohne Schuldzuweisung, ohne Opferrolle und ohne theatrale Eskalation.

Schauen wir uns die Szene genau an. Rose ist diejenige, die Shane behutsam zu einem Outing führt. Sie merkt sofort, dass ihm das Thema „Queere Eishockeyspieler“ unangenehm ist, und entscheidet sich bewusst gegen Druck oder Vorwürfe. Stattdessen formuliert sie vorsichtig ihr Gefühl und öffnet ihm einen Raum, ohne ihn festzunageln. …but I don’t know, I feel like maybe you’d rather be kissing… Miles? (Also ihren Freund, der gay ist.)

Es folgt Stille. Shane ringt um Worte, versucht zu erklären, dass er Rose mag, dass er gern mit ihr zusammen ist. Dann benennt er das, was entscheidend ist: I know the sex stuff is a problem.

Und hier dreht Rose die Logik der Szene. Sie widerspricht nicht nur, sie entzieht dem ganzen Konflikt den Schuldrahmen: It’s not a problem. A problem is something you can fix. Das ist so bemerkenswert. Damit macht sie klar: Es geht nicht darum, etwas zu fixen, sondern um Ehrlichkeit. Manche Dinge lassen sich nicht passend machen, ohne sich selbst zu verlieren.

Als Shane sich erklären will, stoppt sie ihn bewusst: You don’t owe me any explanation. Sie nimmt ihm die Rolle des Rechtfertigenden. In diesem Moment wird aus einer potenziell verletzenden Trennung eine Begegnung auf Augenhöhe.

Später fragt sie ihn ruhig, ohne Drama, ob er je mit einem Mann zusammen war. Shane beantwortet es mit einem Nicken und gesteht schließlich, dass es sich richtiger angefühlt hat. The thing is… I kind of prefer being the hole rather than the peg. Eine Anspielung auf seine sexuellen Vorlieben. Diese unbeholfene Offenheit bringt sogar Humor in die Szene und genau dieser Humor löst die Spannung. Rose lacht mit ihm.

Was diese Szene leistet, ist bemerkenswert: Shane wird nicht zum Täter einer Lüge gemacht. Rose wird nicht zur Leidtragenden einer Wahrheit. Die Liebesgeschichte zwischen Shane und Ilya entsteht nicht auf dem Rücken einer Frau. Niemand ist sauer, verletzt, nachtragend.

Rose ist hier nicht die Verlassene, sondern diejenige, die erkennt, dass Festhalten an einer falschen Form niemandem hilft. Und Shane ist nicht der Mann, der flieht, sondern der, der aufhört, sich zu verteidigen. I love it.

Fazit: Zwei echte Allies

Zusammengefasst: In Heated Rivalry sind die beiden zentralen Frauenfiguren echte Allies, weil sie die Liebesgeschichte zwischen Shane und Ilya nicht blockieren und sich selbst dabei nicht opfern.

Svetlana erkennt die Wahrheit, ohne Drama zu machen. Sie tritt nicht in Konkurrenz, ist supportive und macht einfach ihr eigenes Ding.

Rose ist ally, weil sie nicht als naive Fassade gezeichnet wird, sondern als Spiegel für den Druck, unter dem Shane steht. Die Serie macht sie nicht zum Opfer, sondern lässt sie mit Haltung aus der Geschichte gehen.

Beide Frauen sind Allies, weil sie keine Hindernisse oder Opfer sind, sondern Figuren mit Autonomie, die queere Liebe ermöglichen, ohne sich selbst dafür zu verlieren.

PS: Regie bei Heated Rivalry führte Jacob Tierney, der auch am Drehbuch mitarbeitete; sie entstand für das Studio Accent Aigu Entertainment / Bell Media als Adaption der Game-Changers-Romane von Rachel Reid. Die erste Staffel mit sechs Episoden feierte am 28. November 2025 Premiere auf dem Streamingdienst Crave und ist in Deutschland ab dem 6. Februar 2026 auf HBO Max verfügbar.

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