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Vom Schandfleck zum Aushängeschild: Matera in Süditalien

Mein Italien-Bild war bislang geprägt durch Aufenthalte am Gardasee, in Mailand und Florenz. Auch Ligurien im Norden des Landes stand schon einmal auf meinem Programm. Damit hatte ich vor meiner Reise im September 2017 sowohl schon steile Felsküsten, trubelige Innenstädte, Industriecharme als auch imposante Renaissancebauwerke in Italien erlebt. Was konnte mir da der Süden groß Neues bieten? Zugegeben, nicht ganz so viel, was ja auch nicht schlimm ist. Dennoch gibt es ein Highlight, das ich euch gerne ans Herz legen möchte. Die Rede ist von der Stadt Matera an der Spitze des Stiefelabsatzes. Sie bekommt von mir einen dicken Empfehlungsstempel aufs steinige Haupt gedrückt.

Ich hatte Matera überhaupt nicht auf der Rechnung. Als wir gegen Mittag durch die karge, hügelige Landschaft Basilicatas fahren, erwarte ich nicht viel. Die vielen sandig-grauen Hügel lassen mich emotional ziemlich kalt: „Öde hier“, denke ich noch, während Angela und Juli ganz aufgeregt sind. Und plötzlich sind wir da. In der Stadt, von der ich zuvor noch nie etwas gehört habe und die mein Zuhause für die nächsten 24 Stunden sein soll. Wir lassen unser Auto stehen, den modernen Teil Materas hinter uns und gehen langsam die Via Bruno Buozzi hinab.

Jerusalem lässt grüßen

Wer die stressigen Großstädte Italiens gewohnt ist, der spürt, hier ist etwas anders. Der sonst so temperamentvolle Italiener scheint im Stadtteil Sassi di Matera etwas ruhiger zu sein. Liegt es an der Mittagszeit? Alles ist so viel leiser, bedeutsamer, ja, man fühlt sich fast so, als beträte man gerade eine heilige Stätte und müsse besonders vorsichtig sein, um nichts kaputt zu machen. Was natürlich ziemlicher Blödsinn ist. Denn die Höhlenwohnungen, Sassi genannt, sind aus massivem Gestein und hunderte Jahre alt. 1993 wurden die altertümlichen Wohnsiedlungen zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. 2019 ist Matera Europäische Kulturhauptstadt. Matera mit ihren vielen Sassi wirkt durch ihren erhaltenen, zusammenhängenden Stadtkern vermutlich biblischer als die Original-Schauplätze. Man braucht hier nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Stadt für Bibelfilme die ideale Kulisse darstellt. Der neue Ben Hur wurde hier gedreht und auch für Mel Gibsons Passion Christi musste Matera herhalten.

Vom Schandfleck Italiens zum Aushängeschild liest man immer wieder. Denn Matera war einst bettelarm und ziemlich unbeliebt. Eine Stadt, für die man sich in Rom schämte. Familien lebten hier in Höhlen, zusammen mit ihrem Vieh, Hühnern und Eseln. Es gab weder fließendes Wasser noch Strom. Kaum vorstellbar, aber bis in die 50er Jahre wurden die Sassi so als Behausungen genutzt. Dann wurden die etwa 20.000 Bewohner in moderne Häuser zwangsumgesiedelt. Die in den Stein geschlagenen Höhlen überließ man sich selbst. Sie verfielen und niemand machte sich groß Gedanken darum. Und auch heute noch sind viele Sassi nicht saniert. Vor gut 30 Jahren erkannte man dann das touristische Potenzial; Die Felsenwohnungen prägen das Stadtbild und sind Zeugen der Geschichte einer außergewöhnlichen Stadt. Nicht auszudenken, wenn die Italiener damals die Höhlen dem Erdboden gleich gemacht hätten oder die Gentrifizierung um sich gegriffen hätte. Dann befänden sich vermutlich an Stelle der Felshöhlen jetzt teure Appartements.

Im Sasso (= Stein) wohnen

Wer Bock hat, ein bisschen Höhlenfeeling zu genießen ohne auf Komfort zu verzichten, kann sich in die Sassi einmieten: Im Internet offerieren gleich mehrere Anbieter Schlafmöglichkeiten mit Bad, Dusche und allem Pipapo. Auch wir haben in einer Felsenwohnung ohne Fenster, dafür aber mit durch die dicken Steinwände gekühlten Vorratskeller, übernachtet. Ein dickes Lob an dieser Stelle an Juli, die die komplette Reiseplanung übernommen und dieses Schätzchen für uns gefunden hat. Zugegeben, nicht für jeden wird ein Appartement in einer Höhle etwas sein. Auch für mich war es in den ersten Stunden etwas bedrückend, kein Tageslicht sehen zu können oder ordentlich durchzulüften.

Eine ganz besonderes Stimmung herrscht in der Stadt auch am Abend, als wir uns auf die Suche nach einem netten Ristorante begeben. Uns fällt auf, wie wenig Touristen hier unterwegs sind. Matera hat nichts mit Lecce oder dem sehr trubeligen Sorrento an der Amalfiküste gemein, dennoch erwacht die Stadt am Abend zum Leben. Hupende Rollerfahrer, wild-gestikulierenden Männer und lautes Geschnatter sind dann auch hier in den belebten Straßen die Regel. In der Fußgängerzone, der Via Domenico Ridola, reihen sich einige Cafés aneinander, viele haben Paninis auf der Karte. Tagsüber bieten hier Straßenhändler Sonnenhüte an. Einige sind recht aufdringlich. Wir rennen eine Treppe hinauf und zwei wieder herunter. Viele Stufen überall. Dabei sind wir sind immer wieder aufs Neue fasziniert von der Architektur, die ich so noch nie irgendwo in Europa gesehen habe: Ja, es ist ein bisschen so, als liefe man in einer überdimensionierten Krippe herum.

Eine Krippe mit vielen Wegen, die auch mal ins Nichts führen oder vor einem Bauzaun enden. Denn gebaut wird aktuell viel in der Stadt. Alles bereitet sich auf das große Jahr 2019 vor, wenn es vermutlich vorbei ist mit der Ruhe und Gemütlichkeit in den Sassi. Gut, dass ich festes Schuhwerk in Matera dabei hatte. Denn die Treppen sind oft sehr glatt. Mit Sandalen sollte man hier nicht herumlaufen. Frauen mit hohem Absatz muss hier von ihren Männern geholfen werden. Etwas, dass wir immer wieder beobachten können.

Am Fuße der Kirche Chiesa di San Pietro Caveoso hat man einen sagenhaften Blick ins Tal auf der einen und auf die labyrinthartigen Felsenwohnungen auf der anderen Seite. Ein kleines Bächlein fließt tief unten entlang und hinterlässt eine grüne Schneise. Kakteengewächse säumen den Abhang. Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund. Ich hoffe sehr, dass Matera auch zu Kulturhauptstadtzeiten seinen Charme nicht verliert. Einerseits gönnt man dieser Stadt die Tourimassen und das Geld, das diese mitbringen. Auf der anderen Seite verlieren für mich die sehr übervölkerten Orte meist ihren Reiz.

To Do’s in Matera

  1. Durch die Stadt schlendern, treppauf und treppab ohne auf den Stadtplan zu gucken und die vielen kleinen Gassen entdecken.
  2. Gutes Schuhwerk tragen, um nicht auf den glatten Steinen auszurutschen.
  3. Eine Nacht in einer Felsenwohnung schlafen.
  4. Gelati in der süditalienischen Sonne genießen. Zum Beispiel in der Via Duomo von der Gelateria Gustevole Matera.
  5. Einen Blick ins Tal an der Chiesa di San Pietro Caveoso werfen.

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3 Comments

  • Reply nike

    danke für die wunderschönen bilder und den reisebericht! ich hatte jede menge spaß euch drei im urlaub in den stories zu begleiten. ausser 10 tage rimini mit 17 hab ich von italien noch nicht allzuviel gesehen. sollte ich ändern!

    12. September 2017 at 22:50
  • Reply Haydee

    Ui, ja mit Schläppchen hat man bei solchen Steinen echt verloren (ich erinnere mich da na Dubrovnik. Und Barfuss laufen ging auch nicht, zu heiß…). Sehr faszinierendes Städtchen. In so einer Höhle hätte ich ob des fehlenden Fensters wohl auch so meine Probleme. Aber für eine Nacht wäre das schon echt mal ganz cool. Juli scheint da ein gutes Händchen zu haben in Sachen Unterkünfte. Ich war ganz hin und weg beim Begucken eurer Stories. Danke für die schönen Berichte und Fotos und fürs Mitnehmen!!!
    In Italien war ich bisher erst 2 x am Gardasee und in Venedig. Beides traumschön – aber so ein wenig mehr würde ich auch ganz gerne noch sehen…

    13. September 2017 at 13:36
  • Reply Sven

    Ich habe eure Reise geliebt und jeden Augenblick mitgenossen.
    Matera ist mir ja auch sehr vertraut und es freut mich sehr, dass es euch auch gefallen hat. 🙂

    16. September 2017 at 21:23
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