
Proud erzählt von Filip, einem Model, dessen Leben aus Partys, Shootings und Männern besteht. Als ein tragischer Schicksalsschlag alles verändert, wird er plötzlich mit einer Verantwortung konfrontiert, für die er bislang keinen Platz in seinem Leben hatte. Die polnische HBO-Max-Serie überzeugt bereits in der ersten Folge mit starken Bildern, einer faszinierenden Hauptfigur und einer außergewöhnlichen Kameraarbeit.
Joa, genau einen Tag hatte ich mein HBO-Max-Abo gekündigt, dann las ich von „Proud“ und war sofort angefixt. Und was soll ich sagen, die Verlängerung des Abos hat sich allein für die erste Folge der neuen, queeren Serie aus Polen gelohnt.
Dabei beginnt die eigentliche Handlung der Serie streng genommen erst in den letzten Minuten der ersten Folge. Trotzdem hat sie mich komplett überzeugt, da sie etwas schafft, das erstaunlich viele Serien nicht mehr schaffen: Sie führt ihre Hauptfigur so gut ein, dass man sie nach einer Episode bereits zu kennen glaubt.
Inhalt
Warum mich die erste Folge sofort gecatched hat
Die erste Szene von „Proud“ startet mit Filip (Ignacy Liss) bei einem Modelcasting. Er geht auf die Toilette, zieht eine Line, macht Sit-ups vor dem Spiegel und versucht, seine Muskeln noch etwas stärker hervortreten zu lassen. Dann geht er hinaus zum Casting.
Im Hintergrund läuft „Love Tonight“ von Shouse. Wenige Sekunden später steht Filip vor der Castingcrew und zieht sich komplett aus. Das wirkt zunächst wie eine bewusste Provokation, tatsächlich trägt er aber schlicht keine Unterwäsche unter seiner Jeans. Schon in diesem kurzen Moment wird deutlich, wie selbstverständlich er sich in einer Welt bewegt, in der sein Körper Teil seines Berufs und seiner öffentlichen Inszenierung ist.
Nach dem Casting geht die Anfangssequenz über in eine Clubnacht zu einer langsamen Version von Britney Spears‘ „Toxic“. Filip feiert, tanzt und verliert sich in der Nacht. Später wacht er mit mehreren Männern im Bett auf und wird dabei von seiner Schwester überrascht. Auch diese Szene wirkt nicht wie eine billige Provokation. Vielmehr zeigt sie, wie sein Alltag aussieht.
Filip scheint ein Mann zu sein, dessen Selbstwert eng mit Aufmerksamkeit und Begehren verbunden ist. Um das zu zeigen, braucht die Serie keine langen Dialoge. Nach wenigen Minuten versteht man bereits, in welcher Welt Filip lebt.
Später sieht man ihn bei einem Fernsehauftritt. Nebenbei scheint er sich bei Grindr den nächsten Typen klarzumachen, fotografiert seinen Hintern oder sendet Dick Pics. Im TV-Studio soll er Bademode präsentieren und bricht vor laufender Kamera zusammen. Die Ursache ist offensichtlich: zu wenig Schlaf, zu viele Partys und ein Lebensstil, der auf Dauer nicht funktionieren kann.
Show, don’t tell
All diese Szenen könnten leicht klischeehaft wirken. Tun sie aber nicht. Weil die Serie Filip nie verurteilt und ihn auch nicht romantisiert. Sie beobachtet ihn einfach. „Show, don’t tell“ nennt man dieses Prinzip im Erzählen. Statt dem Publikum über Dialoge zu erklären, wer Filip ist, zeigt die Serie sein Leben, seine Entscheidungen und seine Widersprüche. Dadurch entsteht ein erstaunlich klares Bild dieser Figur.
Die Serie zeigt einen Mann, der attraktiv und offensichtlich begehrt ist, bei dem man aber zugleich spürt, dass er permanent vor irgendetwas davonzulaufen scheint: vor Verantwortung, vor Ruhe und vielleicht auch vor sich selbst. Nach einer Folge weiß man deshalb erstaunlich viel über Filip, obwohl er selbst kaum etwas über sich erzählt hat.
Starke Bilder
Während ich die Folge gesehen habe, musste ich immer wieder daran denken, wie selten Serien heute noch darauf vertrauen, dass Bilder eine Geschichte erzählen können. „Proud“ macht genau das. Die Kamera bleibt oft nah an Filip. Sie beobachtet sein Gesicht, seinen Körper und seine Bewegungen. Viele Szenen wirken dabei unmittelbar und fast ungeschützt, andere sind deutlich stilisierter und stärker inszeniert. Gerade dieser Wechsel hat mir gefallen.
Die Serie sieht dabei durchgehend hervorragend aus. Die Bilder wirken lebendig, körperlich und nah an dieser Welt, in der Schönheit, Begehren, Erschöpfung und Selbstinszenierung ständig ineinander übergehen. Auch deshalb hat es mich überhaupt nicht gestört, dass die eigentliche Geschichte erst spät beginnt. Die Bilder tragen die Folge problemlos über ihre gesamte Laufzeit.

Eine Szene, die hängen bleibt
Am stärksten fand ich jedoch das Ende. Nach dem Tod seiner Schwester sitzt Filip im Krankenhaus, noch immer mit Glitzer im Gesicht, weil er gerade erst aus dem Club gekommen ist, als ihn der Anruf der Ärztin erreicht. Der Glitzer gehört eigentlich zu einer anderen Welt. Im Krankenhaus wirkt das vollkommen fehl am Platz.
Man sieht an diesem Gesicht, das noch Spuren der Party trägt und nun mit dem Tod seiner Schwester konfrontiert ist, dass jetzt die Geschichte beginnt. Für mich bündelt diese Szene sehr stark, worum es in der ersten Folge geht: Ein Mensch wird aus einem Leben herausgerissen, das bis dahin vor allem aus Ablenkung und Oberfläche bestand.
Warum ich unbedingt weiterschauen werde
Natürlich lässt sich nach einer Episode noch nicht sagen, ob „Proud“ das Niveau halten kann. Viele Serien starten stark und verlieren später an Kraft. Aber die Voraussetzungen sind hervorragend.
Die erste Folge nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit für ihre Hauptfigur. Sie baut keine künstliche Spannung auf und hetzt nicht von Wendung zu Wendung. Stattdessen schafft sie etwas viel Schwierigeres: Interesse an einem Menschen. Als die eigentliche Geschichte am Ende beginnt, hatte ich nicht das Gefühl, dass die Serie endlich loslegt. Für mich hatte sie längst begonnen.
Und natürlich freut es mich, mal wieder ein anderes Setting zu sehen. „Proud“ spielt in Polen, und gerade bei einer queeren Serie ist das nicht nebensächlich. Queere Rechte sind dort weiterhin stark umkämpft: Gleichgeschlechtliche Ehen sind nicht möglich, Partnerschaften lange nicht rechtlich anerkannt, und noch vor wenigen Jahren erklärten sich zahlreiche Kommunen zu sogenannten „LGBT-freien Zonen“.
Mein Fazit zu „Proud“
Die erste Folge von „Proud“ ist ein beeindruckender Serienauftakt. Filip wird nicht über Dialoge erklärt, sondern über Bilder, Situationen und Beobachtungen. Das wirkt authentisch, manchmal traurig und immer interessant. Vor allem aber macht die Folge etwas, das ich an Serien besonders schätze: Sie vertraut darauf, dass Zuschauer:innen selbst denken und fühlen können. Ich kenne die weiteren sieben Folgen noch nicht. Aber ich habe große Lust, sie zu sehen.

PS: Bevor „Proud“ überhaupt regulär bei HBO Max startete, hat die Serie bereits für Aufmerksamkeit gesorgt. Beim renommierten Serienfestival Series Mania in Lille gewann sie den Grand Prix als beste Serie, Hauptdarsteller Ignacy Liss erhielt zusätzlich den Preis als bester Schauspieler. Nach der ersten Folge kann ich zumindest nachvollziehen, warum die Serie dort so gut angekommen ist :)!
Mehr Filmkritiken, Serienempfehlungen und Kulturtipps findet ihr in meiner Rubrik Kino und Kultur.

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