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Deep Shit

Schlaflosigkeit: Wenn die Nacht zum Horror wird

Die Gedanken schwirren in meinem Kopf herum, ich wälze mich im Bett hin und her. An Schlaf ist in mancher Nacht kaum zu denken. Dennoch versuche ich es krampfhaft. Das Ziel: Wenigstens ein oder zwei Stunden am Stück loslassen können und einfach weg sein.

Viele von euch werden es kennen: Beziehungsstress, die Ungewissheit, wie es im Job weitergeht, das Gefühl zu versagen oder den Alltag nicht meistern zu können. Ich habe immer wieder Phasen in meinem Leben, in denen es mir dreckig geht und ich mich genau mit diesen Dingen beschäftige. Ganz besonders schlimm ist es nachts. Denn dann gerate ich in einen Kreislauf aus Halbschlaf und wirren Angstgedanken. Die Welt da draußen ist still und es gibt keine Ablenkung von außen. Man muss sich mit seinen Dingen beschäftigen, liegt im Bett und hat nur noch sich und seine Sorgen. Erholung für Körper und Geist ist dann nicht drin. Und je mehr man sich wünscht, endlich einzuschlafen, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, umso weniger klappt es.

Ich gebe heute mal an dieser Stelle ein paar Anregungen, wie ihr mit eurer Schlaflosigkeit und Grübelei umgehen könnt. Natürlich ohne Gewähr und ohne medizinisches Fachwissen. Es sind meine persönlichen Erfahrungen. Mir helfen ab und zu ein paar Dinge. Ich muss gleich dazusagen, dass ich nur einmal in meinem Leben „echte“ Schlaftabletten genommen habe. In der Nacht hatte ich heftige Halluzinationen, so dass ich nie wieder zur Chemiekeule gegriffen habe. Sicherlich gibt es da gute Präparate, ich habe nur seitdem einen großen Respekt vor Medikamenten, die primär das Ziel haben, einen wegzuballern. Vielleicht helfen auch andere Dinge. Wie diese zum Beispiel:

  1. Tee trinken, ein Buch lesen, Schafe zählen – das sind nette Ideen, die bei mir kein bisschen helfen. Tee beruhigt mich nicht. Wenn ich echt fertig bin, kann ich mich sowieso kaum konzentrieren, wie soll ich da ein Buch lesen ohne mit meinen Gedanken nicht schon beim zweiten Satz abzuschweifen? Auch Baldrian habe ich schon ein paar Mal ausprobiert und gar keinen Effekt festgestellt. Dennoch habe ich diese Tipps immer wieder von Ärzten und Therapeuten gehört. Was mir tatsächlich hilft: Aufstehen und etwas tun! Bloß nicht die ganze Nacht liegen bleiben und krampfhaft versuchen, einzuschlafen. Brecht aus dieser Abhängigkeit aus, dass eure Gedanken und Ängste darüber entscheiden, dass ihr keine Ruhe bekommt. Die Nacht hat sechs bis acht Stunden, in denen man prima Wäsche bügeln, Staub wischen oder Schränke aussortieren kann. Hört sich erstmal panne an, aber ich habe dann das Gefühl, ich mache etwas Produktives statt schlaflos rumzuliegen. Das gibt mir Sicherheit und eine saubere, ordentliche Wohnung.
  2. Kein Handy, kein Fernsehen, no Netflix: Wenn ich weiß, dass mein Schlaf gestört ist, versuche ich, zwei Stunden vor dem Zubettgehen alle Medien, die mir zusätzlich Input geben, abzustellen. Seit längerem nutze ich auch die Night Shift-Funktion auf meinem iPhone. Das Gerät färbt das Display dann in Gelbtöne. Zugegeben, das ist ziemlich hässlich, aber es soll beruhigender sein und besser für die Augen als das blaue Licht, das Handys normalerweise ausstrahlen. Auch Serien und TV-Zapping ist für mich tabu. Einen Fernseher im Schlafzimmer habe ich seit langem nicht mehr, der Laptop kommt mir nicht ins Bett. Manchmal klappt es, einfach eine Stunde vor dem Schlafengehen gar nichts zu tun und sich auf die eigene Atmung zu konzentrieren. Auch das hört sich bekloppt an, aber wirkt ab und zu. Konzentriert euch auf eure Atmung und beobachtet mal, wie ihr atmet, wenn es euch nicht gut geht. Bei mir ist es so, dass ich sehr flach atme, wenn ich Angst habe. Ich versuche dann, tief durch die Nase einzuatmen und durch den Mund langsam wieder auzuatmen.
  3. Ein cleanes Schlafzimmer: Ich habe keine Bilder im Schlafzimmer, auch meine Deckenlampe habe ich mal gegen eine schlichte Variante ausgetauscht. Wer mir auf Snapchat gefolgt ist, kann sich an die Geschichte vielleicht noch erinnern. Die Wände sind weiß, ich benutzte nur schlichte Bettwäsche. Das beruhigt mich innerlich ein wenig. Wenn ich akut an Schlaflosigkeit leide, befinde ich mich oft in einem merkwürdigen Dämmerzustand, in dem ich in der Deckenlampe irgendeine abstrakte, komplizierte Aufgabe sehe oder Fotos an der Wand in meine wirren Gedanken einbaue. Also weg damit und ein möglichst ruhiges Umfeld schaffen.
  4. Rennen gehen. Ich schreibe hier bewusst nicht Sport machen oder Joggen, denn ich meine tatsächlich rennen. So schnell ich kann, so lange ich kann. Oft hat man ja in solchen Nächten ein sehr beklemmendes Gefühl. Man möchte sich irgendwie krümmen. Ich habe auch irgendwo mal was von der Embryonal-Haltung gelesen. Dagegen hilft aus meiner Erfahrung, sich aus dem Liegen zu begeben und groß zu machen. Also aufstehen, Jogginghose und –schuhe an, die Treppe runter und einfach mal loslaufen. Ich kann dann erstaunlicherweise minutenlang schnell durch die Straßen rennen, obwohl ich vorher dachte, mein Körper ist völlig fertig. Ist er aber nicht. Meine Psyche spielt ja verrückt in diesen Grübel-Nächten, nicht der Körper, der ist leistungsfähiger als man so glaubt. Durch die physische Anstrengung rast dann mein Herz zwar erst einmal und ich pfeiffe aus dem letzten Loch, danach beruhigt sich aber mein Körper wieder und wird ruhiger und die Atmung besser. Einige Ärzte haben mir mal dazu geraten, dass ich abends nach der Arbeit Sport machen soll. Ich weiß nicht warum, ich habe verschiedene Sachen ausprobiert, aber mein Körper braucht nach dem Sport sehr lange, um runterzukommen. Sprich, mache ich um 19:30 Uhr eine Stunde Sport, bin ich erst um 11 oder noch später ruhig und müde. In „normalen“ Zeiten ist mir das zu spät, da ich immer früh raus muss. Viele empfehlen auch mit einer Trainingseinheit in den Tag zu starten. Das wäre dann bei mir um 6 Uhr morgens. Irgendwie habe ich das noch nie geschafft so früh schon sportlich aktiv zu sein. Es steht aber immer wieder auf meiner To Do-Liste und genau in den Nächten denke ich dann, fuck, wieso mache ich das nicht endlich mal für mich und meinen Körper.
  5. Akzeptieren, dass es keinen Schlaf geben wird. Manchmal sind Probleme groß, manchmal macht man sich viele Sorgen. Dann ist das eben so. Mir hilft es dann, alle Gedanken mal aufzuschreiben. Auch wenn es mitten in der Nacht ist und ich so richtig keinen Bock habe, einmal seinen Gedankenmüll schwarz auf weiß zu sehen, schafft irgendwie ein anderes Verhältnis zu dem, was man da so denkt und fühlt. Es entsteht bei mir im besten Fall etwas emotionale Distanz. Oder ich entdecke logische Fehler in meinem Denken. Komischerweise sehe ich stundenlang diese Schwachstellen in meiner Horrorversion nicht, schreibe ich sie auf, stechen mir dann sofort Dinge ins Auge, deren Eintreten total unwahrscheinlich ist. Auch das beruhigt etwas.

Wenn ich drei oder vier Horror-Nächte innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne oder direkt hintereinander erlebe, verändert sich meine Wahrnehmung stark. Ich kann dann nur jedem raten, wenn es euch ähnlich geht, trefft keine wichtigen Entscheidungen in der Zeit! Lest Dinge, die euch Leute per WhatsApp schreiben mehrfach oder fragt eine Freundin, was da steht und was ihr möglicherweise aufgrund eures Schlafdefizits da reindeutet ohne es zu merken. Und natürlich sollte man dann auch zum Arzt gehen.

Noch ein abschließender Gedanke, der mir in diesen Situationen hilft: Es wird irgendwann wieder besser. Es ist immer irgendwann besser geworden.

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3 Comments

  • Reply Haydee Carl

    Diese Nächte kenne ich auch. Gerade zu Anfang meiner Selbständigkeit hatte ich sie fast ständig. Das ist anstrengend und aufreibend. Zu der Zeit habe ich wieder angefangen, Nachts Hörspiele oder Hörbücher zu hören. Dir scheint das nicht zu helfen, mir sehr gut. Oft auch einfach eine Serie, die ich gut kenne, auf dem Handy laufen lassen. Früher hätte ich so nie schlafen können. Merkwürdiger Weise klappt das großartig, in den meisten Fällen und ich schlafe wie ein Baby. Morgens stelle ich dann manchmal fest, das 12 Folgen durch sind, wovon ich aber nur 3 min bewusst wahr genommen habe 🙂
    Ich denke, es ist wichtig, herauszufinden was einem gut hilft. Oder gut tut. Da bist du doch dann auf einem guten Weg. Noch besser wäre natürlich, solche Nächte gäbe es erst gar nicht….

    19. November 2017 at 9:27
    • Reply Julius

      Das ist so ein Grund, warum ich immer denke, ich könnte nie selbstständig sein. Würde mir viel zu viele Gedanken machen.

      19. November 2017 at 10:01
  • Reply Marion Lehwald

    Diese Nächte kenne ich. Man kommt einfach nicht zur Ruhe, kann nicht loslassen. Mir hilft das ich erkannt habe, dass es Dinge gibt, die ich einfach nicht ändern kann, so gern ich es auch tät. Und ich habe mich wirklich damit abgefunden. Seitdem nehmen diese Dinge/Situationen keinen Raum mehr ein. Nun bin ich aber auch älter als Du, und ein langer Weg zu dieser Erkenntnis liegt hinter mir. Lang und steinig. Ich kann dir nur sagen, gehe positiv durchs Leben, versuche es einfach. Es ist schwer. Aber wir haben nur dieses eine Leben und das sollten wir in vollen Zügen genießen. Ich drück dich. Liebe Grüße Marion

    19. November 2017 at 16:28
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