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Ruhrpott

Wie ich zum Schildkröten-Vater für einen Tag wurde

Als Kind wollte ich unbedingt ein Haustier haben. Am liebsten einen Hund. Ich bettelte und bettelte. Jahrelang. Meine Eltern waren gar nicht begeistert, schenkten mir dann aber doch irgendwann zumindest ein Kaninchen. Muck.

Muck hatte in unserem Garten seinen Stall und ein Außengehege. Ab und zu fuhr ich Muck in einem Kinderwagen durch die Gegend. Ich glaube, Muck gefiel das gar nicht gut und auch meine Eltern hatten da ihre Bedenken, ließen mich aber gewähren. Eines abends vergaß ich, Muck in den Stall zu setzen und ließ ihn über Nacht in seinem Außengehege. Am nächsten Morgen war von ihm nicht mehr als ein Fellbüschel übrig. Ich weinte bitterlich.

Später hatten wir einen Hund. Er hieß Henry und war ein sehr cleveres Kerlchen. Er schleppte ein Stofftier immer überall mit hin. Wenn er mehrere Dinge gleichzeitig transportierwn wollte, warf er sie einfach auf seine Decke und zog diese hinter sich her. Henry wurde sieben Monate alt. Er fand den Tod direkt vor unserer Haustür. Mein Vater war früh morgens mit ihm eine Runde gegangen. Auf dem Rückweg wollte Henry sein Stofftier holen, das er am Straßenrand liegen gelassen hatte. Zwar wohnten wir in einer verkehrsberuhigten Straße, da diese aber schnurgerade war, hielten sich die Dorfbewohner nicht an das Tempolimit. Henry hatte keine Chance: Genickbruch.

Diese beiden traumatischen Kindheitserlebnisse im Zusammenhang mit Tieren hielten mich bislang davon ab, mir noch einmal ein Haustier anzuschaffen. Außerdem arbeite ich viel, bin kaum zu Hause. Kein Hamster, kein Goldfisch, geschweige denn ein Vierbeiner haben es mehr in meine Erwachsenenwohnung geschafft. Bis zu einem Tag im Juni.

Schildi zieht ein

An besagtem Tag wurde ich von jetzt auf gleich und ohne mein Zutun Schildkröten-Vater. Im Bochumer Stadtpark sonnte sich eine Gelbwangenschildkröte auf einem Stein. Diese Art ist eine beliebte Haustierart und wird immer wieder in Zootierhandlungen verkauft, kommt aber ursprünglich aus warmen Gefilden in den USA. Zugegeben, dieses Wissen ist angelesen. Damals war mein naiver Gedanke: „Krass, ’ne Schildkröte, die ist bestimmt wem weggelaufen.“ Na ja, oder so ähnlich. Und was macht man mit Ausreißern? Der Polizei melden natürlich.

 

Die Beamten vor Ort waren aber eher so mäßig interessiert an Schildi. Nicht ihr Zuständigkeitsbereich, die Schildkröte müsste wieder mitgenommen werden. Klar, sie hat ja niemandem was getan. Aber wenn sie doch vermisst wurde? Doch auch das war wohl ziemlich unwahrscheinlich. Denn laut Internet kaufen Menschen kleine Schildkröten im Fachhandel und freuen sich über die putzigen Viecher. Werden die dann rasch größer, sind die Halter mit der Pflege überfordert und setzen die Schildkröten aus. Auch Schildi ist vermutlich Opfer dieses Schicksals.

Nun gut, was also tun mit einer Gelbwangenschildkröten, die in einer alten Holzkiste vom Gemüsetürken um die Ecke in meinem 5qm-Badezimmer lebt? Zumal diese Art zu den Wassertieren zählt, die gerne schwimmen und viel Wärme brauchen. Also künftig meine Badewanne mit einer Schildkröte teilen, UV-Lampen in der Küche aufstellen und immer hoffen, nicht aus Versehen nachts auf sie drauf zu treten? Oder doch in Nachbars Teich aussetzen? Weitere Internetrecherchen ergaben, Schildi ist nicht überlebensfähig in Nachbars Teich. Friert es im Winter mehrere Tage hintereinander, wird sie vermutlich sterben. In mir kamen die alten Traumata der toten Haustiere hoch. Dann doch lieber ins Tierheim mit ihr.

Kein Platz im Heim

Aber, große Überraschung, das Tierheim lehnte die Aufnahme ab. Nicht zuständig, da Schildi angeblich doch im Stadtpark leben und überwintern könne. Dass das Internet etwas anderes behauptet, zählte nicht. So richtig wohl fühlte ich mich damit nicht, ich ließ Schildi dann aber doch aus meinem Leben gehen. Dabei hatte ich die Hoffnung, dass der Klimawandel für milde Winter sorgt.

Und tatsächlich: Neulich berichtete die Zeitung darüber, dass Schildi kein Einzelfall ist. Immer mehr Menschen setzen die Tiere anscheinend einfach aus. Aber: Wird es durch den Klimawandel wärmer, überleben die Jungschildkröten und vermehren sich fleißig. Sie fressen dann kleine Fische, Insekten und Larven anderer Tiere, was wiederum dazu führt, dass diese Arten knapp werden könnten usw. Das Problem wäre damit also nicht gelöst…

Ich bin übrigens nicht der einzige, der mit Schildi seine Erfahrungen gemacht hat. Auch DerWesten widmete ihr eine Story. Darin zu lesen: Die Stadt weiß offiziell nichts von ihrer Existenz, auch wenn sie immer wieder im Park von Spaziergängern gesehen wird. Im Artikel heißt es dann weiter, dass falls Mitarbeiter der Stadt eine Schildkröte finden würden, ihr merkt, alles rein theoretisch natürlich, dann würden sie diese im na, könnt ihr es euch denken, richtig, im Tierheim abgeben…

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2 Comments

  • Reply Haydee

    Wie süß.. ich wäre ehrlich nicht auf den Gedanken gekommen, Schildi mit zu nehmen 🙂 Aber so hat sie (oder er) dann auch mal was von Bochum gesehen. Ist ja was.. Ggf. hätte ich vielleicht noch im Tierpark gefragt, in der Hoffnung, sie wäre dort vielelicht ausgebüchst. Ich werde bei den nächsten Spaziergängen nun verstärkt auf Schildi achten und sie suchen. Dann grüße ich sie von dir ….

    21. August 2017 at 8:46
    • Reply ruhrwohl

      Ich fand es echt sehr überraschend, dass die vom Tierheim sie nicht angenommen haben. In Foren im Internet ist da immer wieder zu lesen, dass man sich an die Behörden wenden soll, wenn man eine exotische Schildkröte findet.

      23. August 2017 at 14:58

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