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Deep Shit

Ausstellungs-Tipp: „Deuscthland“ von Jan Böhmermann im Düsseldorfer NRW-Forum

Wer rein will, muss an der Kontrolle sein Handy abgeben. © NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babic

Hasskekse, ein Karo-Hemd der Kanzlerin, die Erinnerung an das Erdogan-Schmähgedicht: In Düsseldorf wagt sich Jan Böhmermann erstmals ins Museum. Seine Ausstellung „Deuscthland“ reicht für eine Stunde Kurzweil und dreht sich vor allem um ihn selbst. Dennoch lohnt sich ein Besuch.

Zugegeben, ich bin nicht der größte Böhmermann-Experte oder gar ein Fan des Satirikers, als ich aber las, dass im NRW-Forum eine Ausstellung von ihm eröffnet, war mein Interesse geweckt. Zusammen mit seiner Produktionsfirma Bildundtonfabrik bietet Böhmermann den Besuchern eine satirische und teilweise bitterböse Zustandsbeschreibung unseres Landes. Doch was genau erwartet einen da bloß? Eine Art begehbares Neo Magazin Royale? Der kurze Pressetext lässt viele Fragen offen und stellt selbst eine: „Ist das noch Satire oder schon Revolution?“

Aber mal ganz von vorne: Einlass zur Ausstellung erhält man an einer Passkontrolle. Dort gibt man sich entweder als Deutscher oder Ausländer zu erkennen und vertraut sein Mobiltelefon dem Grenzposten an. Auf das Handy kann man die nächsten, wenn man sich Zeit lässt, 1 1/2 Stunden auch getrost verzichten. Fotos aus der Ausstellung sind sowieso verboten. Aus diesem Grund nutze ich ausnahmsweise auch mal das offizielle Pressematerial zur Bebilderung dieses Blogposts.

Merkel-Wander-Outfit zum Anfassen © NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babic

Merkels Wanderhose

Nach dem Grenzposten folgt ein wirrer, längerer Text auf einer Wand, den ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht verstehe. Das Internet meint, er wäre dadaistisch. So so. Ein paar Schritte weiter steht man vor Angela Merkels Wanderklamotten. In einer Vitrine sind Karo-Hemd, Socken und beige Wanderhose ausgestellt, getragen von einer kopflosen Schaufensterpuppe. An der Wand Paparazzi-Bilder, die Merkel mit diesem Outfit und ihrem Mann Joachim Sauer in den Bergen zeigen. Zwei ältere, vornehme Damen (nirgends passt diese Beschreibung besser als in Düsseldorf) stehen vor den Bildern und unterhalten sich ganz angeregt über Merkels Kleidungsstil. „Sie trägt die Sachen auch immer etwas zu eng“, sagt die eine zu der anderen. Die nickt zustimmend. „Ich habe ja auch so eine Funktionshose, aber so würde ich die niemals anziehen.“ Gegenüber bezeugt ein gerahmtes Schreiben des Kanzleramtes die angebliche Echtheit der Exponate. Ja, hier kann man wirklich Angela Merkels Wandersocken ganz nah kommen, soll das wohl suggerieren.

Etwas weiter wartet ein nachgebauter Messestand auf den Besucher. Hier wird der „Reichspark“ propagiert. Ein NS-Themenpark für die ganze Familie, inklusive Virtual-Reality-Achterbahn, Nachbau eines KZs und einer Kältehalle, um Stalingrad authentisch nachempfinden zu können. Eine vielleicht fiktive HG BusinessConsulting aus Brandenburg steckt hinter den „Reichspark“-Plänen, die so nie Wirklichkeit wurden. Der am Messestand gezeigte Werbefilm könnte genau so aus einer Böhmermann-Sendung stammen. Für mich der beste Teil der Ausstellung. Hier kann man sich länger aufhalten und fasziniert ein Modell des Vergnügungsparks begutachten, den Werbefilm schauen oder Broschüren zu dem Spektakel wälzen. Angeblich ab Sommer 2023 erlebbar!

„Bitte reichlich Abstand halten“: Ein Modell des fiktiven „Reichsparks“ © NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babi

NS-Zeit als Vergnügungspark

Der „Reichspark“ befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Sessel, auf dem eine Deutschland-Fahne abgelegt ist. Es ist der Original-Stuhl, auf dem vor einigen Jahren AfD-Politiker Björn Höcke bei Günther Jauch Platz nahm. Mit der Flagge demonstrierte Höcke damals in der Sendung seine „Heimatliebe“ und sorgte so für einen Mini-Skandal. Erinnert ihr euch?

Gegenüber sind vier unscheinbare Wahlkabinen aufgebaut, bei denen sich der Ausstellungsbesucher per Knopfdruck unter anderem zwischen Familie oder Karriere entscheiden muss. Eindringlich fordert ein Schreiben dazu auf, die richtige Entscheidung zu treffen. Korrigieren könne man diese nicht. Eine Kamera macht Aufnahmen, stellt sie ins Netz (Ja, dieses Mal wirklich, kein Fake!) und projiziert sie etwas weiter hinten in der Ausstellung an eine Wand. Medien-Meta-Zeugs, genauso wie ein Drucker, der laut hörbar permanent Tweeds von Politikern zu Papier bringt. I like it. Dafür habe ich einmal Medienwissenschaften studiert, denke ich mir.

Ebenfalls Teil der Ausstellung: Ein Automat, der für 80 Cent, nein 1 Euro, Hasskekse ausspuckt. Drei Tage nach Eröffnung sind diese jedoch schon ausverkauft. Schade, finden viele Beanie-Träger mit auffälligen Brillenmodellen um die 30, die an diesem Sonntag im November davor stehen. (An)stehen ist sowieso Motto des Tages, sowohl an der Museums-Kasse, als auch an der Garderobe oder eben vor den Exponaten. Wie zu erwarten, wenn ein Promi eine Ausstellung verantwortet, ist es brechend voll. Das stört manchmal etwas, ist aber auch nicht wirklich schlimm, denn die Anzahl der Werke ist übersichtlich. Wer bis hierhin gelesen hat, kennt mehr als die Hälfte der Ausstellung bereits. Was euch jetzt aber nicht abhalten soll, diese auch live und „in echt“ zu erleben. Denn darum geht es hier ganz oft: Um die Frage, was ist eigentlich echt und mit welchem Hashtag muss man dieses Echte bei Twitter versehen.

Böhmermann-Remix des bekannten Rostock-Lichtenhagen-Fotos vom Mann mit Hitler-Gruß © btf / Philipp Käßbohrer

Selbstreferentiell und politisch

Wirklich vom Hocker gehauen hat mich das nicht, was da in Düsseldorf zu sehen ist. Die vielleicht 15 Exponate und Installationen bieten dann doch zu sehr das, was man von Böhmermann erwartet: Sie sind ein Spiel aus Fake und Realsatire, selbstreferentiell, lassen die Staatskrise um das Schmähgedicht auf Erdogan noch einmal aufleben, sind ein bisschen interaktiv, teilweise unverständlich und teilweise auch sehr politisch. Man muss sich im Medien-Deutschland gut auskennen, um das Böhmermann-„Deuscthland“ zu verstehen. Wer Freude an der Person Böhmermann und seiner Sendung hat, wird auch im NRW-Forum von „Deuscthland“ sehr angetan sein.

Die Ausstellung kommt meiner Meinung nach recht zahm und wenig provokativ daher. Von einer Revolution, wie im Pressetext angedeutet, ist jedenfalls wenig zu spüren. Aber vielleicht (oder doch ganz bestimmt) ist das ja Absicht, denn das Deutschland, das Böhmermann und sein Team da aufzeigen, ist eben meist doch ziemlich… unaufgeregt und irgendwie egal. Eine Mischung aus sanften Brauntönen. Beige eben, wie Merkels Wanderhose.

Deuscthland: Eine Ausstellung von Jan Böhmermann und btf, NRW-Forum, 24.  November 2017 bis 04. Februar 2018, täglich außer montags, Erwachsene in der Woche 6 Euro, am Wochenende 8 Euro.

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